Geschichtenarchiv

Beschützer-Instinkt

Als ich 6 oder 7 Jahre alt war, reisten wir für 5 Wochen nach Sibirien, um eine russische Lehrerkollegin meiner Mutter zu besuchen. Unsere russischen Nachbarn hatten einen Boxerhund, der immer angekettet war. Eines Tages aber spürte ich den kläffenden Hund hinter mir. Als er zuschnappen wollte, ist mein Vater total «durchgestartet»: Er hat Steine nach ihm geworfen und das Sackmesser gezückt, um den Nachbarn zu zeigen, dass er zu allem bereit sei. Nicht das kleinste Zögern war in seinem Handeln. Eigentlich ist mein Vater der grösste Pazifist, der grösste Hippie. Die Angst um sein Kind hat in diesem Moment seinen Beschützerinstinkt wachgerufen und eine bisher unbekannte Seite provoziert. Wie klar und gradlinig mein Vater mich in dieser Situation verteidigt hat, beeindruckt mich bis heute.

  • Sohn: 1990
  • Informatiker. Vater: 1945, Reiseleiter, Schneesportlehrer.
  • Jahr der Szene: 1996.

«S’erscht Mol»

März 1983, GC kommt ins Espenmoos, auf dem Weg die Heiligkreuzstrasse hinunter die pickelharte Prognose des Vaters: 3:1 für GC. St.Gallen trägt Leibchen mit «Fido»-Werbung, kein gutes Omen zum Gewinnen. Doch dann trifft Friberg für St.Gallen zum 1:0, GC gleicht aus, St.Gallen trifft wieder, 2:1, der Bub steht auf einer Holzkiste, sieht die «Securitässler» ihre Runden drehen, sie reimen sich auf ihn, den «Zweitklässler», das 3:1 fällt, das 4:1, man glaubt den nassen Rasen zu riechen, am Ende steht es 5:1 für uns, und «da isch s’erscht Mol, dass min Vatter nöd recht gha hätt».

Peter Surber über den Song von Manuel Stahlberger «S’erscht Mol»

https://www.saiten.ch/basteln-am-abgrund/

Der Duft nach Buchenholz

Samstag war unser Aufräumtag. In der winzig kleinen Schreinerei meines Vaters hatte ich mit meinem jüngeren Bruder den Auftrag, die «Bude» aufzuräumen, sprich Hobelspäne und Sägemehl zusammen zu wischen. Was sich damals anstrengend anfühlte, bekommt in der Erinnerung eine neue Bedeutung. Noch heute rieche ich den frischen, herben Duft nach Buchenholz, sofort breitet sich in mir ein wohliges Heimatgefühl aus. In diesen Stunden waren wir unserem Vater nahe, bekamen mit, was der Vater produzierte und welch immense Arbeit dahintersteckte – eine unvergessliche Erfahrung.

  • Tochter: 1973, Stellenleiterin.
  • Vater: 1952, Schreiner.
  • Jahre der Szene: 1979-1985.

Power-Pilzlen

Mein Vater ist ein richtig grosser Pilzfan. Im Kanton Zürich gab es in meiner Kindheit sogenannte Schonfristen. Erst ab dem 11. des Monats war es erlaubt, Pilze zu pflücken. Also begaben wir uns bereits am 8. und 9. auf eine Art Schatzsuche: Wir streiften durch Waldabschnitte, suchten nach jungen Pilzkulturen und überdeckten die Fundstücke mit Blättern, um sie vor anderen Pilzlern zu verstecken. Am Abend des 11. fuhren wir dann mit dem Fahrrad auf direktem Weg zu den vorsondierten Plätzen, die Vorarbeit war schon geleistet, und ernteten im Eilzugstempo Steinpilze, Maronenröhrlinge, Mönchsköpfe und andere Pilze. «Powerpilzlen» nannten wir dieses Ritual. Meist ein Erfolgserlebnis, hin und wieder aber auch ein Frust, wenn andere uns zuvorkamen. Heute führe ich diese Tradition mit meiner Tochter (7) und meinen Pflegekindern (5 & 3) weiter.

  • Sohn: 1975, Sozialarbeiter.
  • Vater: 1948, Elektroinstallateur.
  • Jahr der Szene: 1982-1988.

Partystimmung

Immer wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, gibt es eine «Party». Mein Sohn (4) rennt mir schreiend entgegen, skandiert meinen Namen, umarmt mich und zerrt mich in sein Zimmer, um seine Kita-Erlebnisse in allen Details vor mir auszubreiten. Schon fast ein Jahr dauert dieses Ritual, jeden Tag, von Montag bis Freitag. Ich bin mir bewusst, dass ich eines Tages nicht mehr ganz so cool sein werde. Umso mehr geniesse ich diesen Moment, den glücklichsten im Tag.

  • Vater: 1979, KV-Angestellter
  • Sohn: 2018
  • Jahr der Szene: seit 2021

«Das bringt doch nichts.»

Montags bin ich zum Mittagessen bei meinen zwei Enkelkindern (6 und 9 Jahre). «Kannst du etwas von armen Ländern erzählen?», fragen sie mich. Und dann erzähle ich von meinen Erlebnissen in Haiti oder Bolivien. Als wir auf eine bevorstehende Friedensdemonstration zu sprechen kommen, sagt meine 9-jährige Enkelin: «Demonstrationen bringen nichts.» Worauf ich ihr zu erklären versuche, weshalb ich einen Sinn darin sehe: zu erleben, dass ich nicht der einzige bin mit diesem Anliegen. Ob ich sie damit überzeugen konnte?

  • Grossvater: 1951, Ingenieur
  • Enkelkinder: 2013, 2016
  • Jahr der Szene: 2022