Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Giuseppes Morgenritual
Grade eben habe ich meinen Vater auf den Zug gebracht. Er beginnt jetzt wieder ein bisschen das Leben zu geniessen – jetzt, drei Jahre nach dem Tod meiner Mutter, seiner Giuseppa. Er war es, der für mich eine Art Morgenritual pflegte, das unauslöschlich in meiner Erinnerung eingeprägt ist. Wenn ich aufwachte, roch es bereits köstlich nach Kaffee, den stets er zubereitete. Er fütterte unsere Katze, die in laufender Folge immer Susi hiess, und auch er war es, der zu den Kanarienvögeln schaute, bevor er aus dem Haus ging.
- Sohn: 1980
- Vater: 1940
- Jahre der Szene: 1990 bis 2005
Unser Herr Sanders
Als Sanitär-Installateur hatte mein Vater immer wieder im Kloster Mariendonk zu tun. Er war bei den Nonnen sehr beliebt und brachte an Weihnachten immer wieder Geschenke aus dem Kloster nach Hause.
Mein Vater war bereits mehrere Jahre tot, als meine Mutter das Kloster aufsuchte und eine alte Nonne im Rollstuhl fragte, ob sie sich noch an ihren Mann erinnere. Mit grossen Augen sah die Nonne meine Mutter an: „Meinen Sie unseren Herrn Sanders?“ Und fragte ganz aufgeregt: „Wie geht es ihrer Tochter?“ Meine Mutter antwortete erstaunt: „Ich habe zwei Töchter.“ Die Nonne wurde etwas ungeduldig und meinte: „Ja ja, aber Sie haben eine Tochter, die sehr viel gereist ist, und Ihr Mann hat sich grosse Sorgen um sie gemacht. Wir haben immer für Ihre Tochter gebetet.“
Meine Mutter erzählte ihr, dass ich glücklich verheiratet sei und es mir gut gehe. Die alte Nonne lächelte und sagte: „Dann bin ich beruhigt, grüssen Sie Ihre Tochter von mir, ich werde weiter für sie beten.“ Nie hatte mein Vater meiner Mutter erzählt, dass er seine Sorgen um mich „seinen Klosterfrauen“ anvertraut hat. Danke Vati!
- Tochter: 1953, Geschäftsleitungs-Assistenz
- Vater: 1920-1998, Sanitär-Installateur
- Jahre der Szene: 1975-2006
Hirtenlieder, noch immer
Mein Vater spielt, seit ich ihn kenne, leidenschaftlich Querflöte. Dank dieser Leidenschaft lernte ich Klavierspielen. Es war sein innigster Wunsch, an Weihnachten gemeinsam Hirtenlieder zu spielen. Viele Jahre spielten wir nicht mehr gemeinsam. Jetzt liegt meine Mutter im Sterben. Mein Vater und ich besuchen sie hie und da und spielen Hirtenlieder. Die Lieder, zusammen mit den Erinnerungen, lassen Weihnachten spüren.
- Tochter: 1960, Primarlehrerin
- Vater: 1928
- Jahr der Szene: 2012
Aktuelles
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
Marcel Kräutli ist neuer Leiter des Archivs für Vätergeschichten
Ein Sonntag im Juni 2013. Dicht gedrängt sitzen die Besucher:innen am nationalen Vätertag auf den Fluren der Geburtenabteilung des Spitals Herisau, nachdem sie ihre nassen Regenmäntel an Infusionsständern aufgehängt haben. Ein Schauspieler-Duo liest erstmals ausgewählte Szenen aus dem neu gegründeten Archiv für Vätergeschichten. Als Schauplatz dient eine Wochenbettstation, wo neben Kindern und Müttern auch Väter auf die Welt kommen. Unvergesslich, wie Kindergeschrei aus den Kindern die Lesung akustisch untermalen. 12 Jahre später besteht das Archiv für Vätergeschichten aus über 300 Szenen, die auf eindrückliche Art illustrieren, wie sich das Bild des Vaters im Laufe der Zeit verändert hat. Anfangs Jahr ist die Leitung des Archivs für Vätergeschichten von Mark Riklin auf Marcel Kräutli, Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, übergegangen – eine ideale Besetzung, herzlich willkommen!
Vätergeschichten aus aller Welt
Donnerstagabend in einem St.Galler Hinterhof. «My father is my foundation. His values, his culture and his way of life have shaped me», beginnt die Erinnerung an einen indischen Vater, die anlässlich der musikalischen Lesung «Vätergeschichten aus aller Welt» verlesen wird. Auf Wunsch des Erzählers wird die Hommage an seinen Vater gefilmt und nach Delhi gesandt. Als Dank und Würdigung seiner Unterstützung und Verlässlichkeit.
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