Geschichtenarchiv

Versöhnung ohne Worte

Sommer 1986. In den Semesterferien machte ich zuhause meinen Eltern gegenüber einen derben Spass, der sie erschreckte. Mein Vater reagierte reflexartig und gab mir eine schallende Ohrfeige. Geschlagen hat er uns sechs Kinder einige Male, das gehörte dazu. Aber dies war einer zu viel. Fluchtartig verliess ich dieses Daheim mit einem Auto eines älteren Herren, der mir dieses anvertraut hatte. Zuerst tauchte ich bei der Grossmutter meiner Freundin unter, danach bei einem Studienkolleg auf dem Bauernhof. Irgendwann tauchte ich Ende Ferien wieder bei meiner Familie auf, aber nur um die Sachen zu packen und mein Studium fortzusetzen.

Eines Tages lud mich mein Vater ein zu einer Klettertour auf seinen Lieblingsberg. Wir haben an jenem Tag nicht viel gesprochen. Ich habe ihm voll vertraut, obschon er schon lange nicht mehr klettern ging. Ich habe verstanden, was er mir mit diesem Tag sagen und schenken wollte: Versöhnung ohne Worte. Als er dann 2016 im Sterben lag, war ich als Letzter bei ihm, ‘amazing grace’ habe ich gesummt, «alles ist Gnade, alles ist Geschenk». Mein Vater hat leicht reagiert, ist ganz ruhig geworden und eine Viertelstunde, nachdem ich gegangen bin, friedlich gestorben.

  • Sohn: 1962, Theologe
  • Vater: 1936 – 2016, Dreher
  • Jahr der Szene: 1986

Seelsorger mit Leib und Seele

Aix-en-Provence im Sommer 2015. Während meines Sprachaufenthalts wohne ich bei einer Gastfamilie. Mein vietnamesischer Gastvater Kyan macht meist ein ernsthaftes Gesicht, lacht kaum und wirkt etwas unnahbar, bis mein Vater ein paar Tage zu Besuch kommt. Eine Mitschülerin macht mich eines Tages darauf aufmerksam, sie hätte heute meine beiden Väter gesehen, gemeinsam auf einem Moped («petite moto»). Etwas verwundert nehme ich die überraschende Nachricht entgegen. Und tatsächlich, wenig später sehe ich die beiden durch die Stadt düsen: am Steuer ein kleiner Asiate, hinten drauf ein «Voradelberger», unbekümmert, wohlgelaunt, vollbepackt mit Früchten und Gemüse vom Markt – eine Mischung aus Brüderlichkeit und Abenteuerlust. Eine Szene wie im Film. Typisch für meinen Vater, der auf seine verschmitzte, spontane, direkte Art das Tuch wegzieht und dahinter schaut und so das Verborgene sichtbar macht, das Authentische aus den Menschen herauskitzelt. Mit Leib und Seele ist er Seelsorger, aus Berufung, immer und überall, unabhängig von Konfessionen. Als Kind war mir dieses «Überfallen» und «Überfordern» fremder Menschen peinlich. Heute bin ich stolz darauf, dass mein Vater auf eine positive Art provozieren kann. Etwas vom Schönsten, was in ihm steckt.

  • Vater: 1962, Seelsorger
  • Sohn: 1991, Lehrer
  • Jahr der Szene: 2015

Gepflückte Baumwolle

Portugal, in der Nähe von Porto. Am Wochenende, wenn die Arbeit in der Textilfabrik ruhte, durften wir unserem Vater helfen, die Maschinen in 1000 kleine Teile zu zerlegen, zu reinigen und dann wieder zusammenzubauen. Noch heute habe ich den besonderen Duft in der Nase: den Duft nach Fett, Schmieröl und gepflückter Baumwolle, die eine flauschige Wärme verströmt. Besonders geprägt hat mich, dass es für meinen Vater eine Selbstverständlichkeit war, dass auch Mädchen einen Schraubenzieher in die Hand nehmen und eine Maschine zusammenbauen können. Er hat mich nicht nur als Frau gesehen, sondern als freien Menschen. Eine wichtige Erfahrung und Ermutigung.

  • Tochter: 1971, Hochbauzeichnerin, Sozialpädagogin
  • Vater: Auslandsmonteur, Aussendienst
  • Jahr der Szene: 1976

Blindes Verständnis

Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Mein Vater und ich sind uns mega ähnlich. Beide sind wir Büezer, die lieber handeln statt lange um den Brei herumreden. Auch ich bin Stromer geworden, früh geprägt durch die Erlebnisse in seinem Stromergeschäft. Als Kind durften wir den Monteuren bei der Arbeit zusehen und mit dem Materialwagen durch die Bude rasen. Später, als ich in der Lehre war, durfte ich mithelfen, den Laufstall meines Göttis zu verkabeln. Gemeinsam standen wir auf der Hebebühne, haben Kabelkanäle installiert, Kabel verlegt und Lampen aufgehängt. Jeder Handgriff war klar. Ohne gross zu reden, haben wir uns blind verstanden.

  • Sohn: 1991, Elektroinstallateur
  • Vater: 1955, Elektromonteur-Installateur
  • Jahr der Szene: 2007/2008

Zweit-Meinung aus dem oberen Stock

Wenn ich in meinem Zimmer sitze, taucht hin und wieder eine Frage auf, die nach neuen Perspektiven ruft: eine E-Mail, die gegengelesen, oder eine Entscheidung, die getroffen werden soll. Ein paar Treppenstufen höher kann ich jederzeit Unterstützung holen. «Was sind deine Gedanken dazu», frage ich dann meinen Vater, wenn ich in seinem Büro direkt oberhalb meines Zimmers stehe. Mein Vater hat einen klaren Blick, erkennt schnell das Wesentliche einer Sache oder Situation. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch in Zukunft auf ihn und seine Unterstützung zählen zu dürfen. Dafür gilt ihm ein grosser Dank!

  • Sohn: 2006, Kantischüler
  • Vater: 1970, Sozialpädagoge
  • Jahr der Szene: 2023

Jeder Sturm geht vorüber

Auf der Heimfahrt von Jaén (Spanien) zurück in die Schweiz sahen wir einen Sturm auf uns zukommen. An einer Tankstelle machte mein Vater Halt, füllte den Tank mit Benzin, ging an die Kasse, um zu bezahlen. Als er die Tankstelle wieder verlassen wollte, liessen sich die Türen einfach nicht mehr öffnen. Während mein Bruder friedlich schlief, sah ich zu meiner Katze und hoffte inständig, dass mein Vater bald wieder zu uns ins Auto steigen würde. Als er endlich zurückkam, hatte er trotz des Schreckmoments ein Lächeln im Gesicht. Wir warteten noch einen Moment gemeinsam im Auto, bis der Sturm verblasste.

  • Tochter: 2004
  • Vater: 1964
  • Jahr der Szene: 2015