Geschichtenarchiv

Ein unschlagbares Team

Freitagabend, kurz vor 18:00 Uhr. Meine Eltern und ich sitzen im Garten. Es ist Frühling, die Sonne scheint und die Blumen duften. Ein Gefühl von Freiheit steigt in mir auf. Mein Vater sitzt neben mir und blättert durch den neuen Aldi-Prospekt. Da sehe ich sie: die Jacke, die ich schon die ganze Zeit haben wollte, jedoch nie gefunden hatte. «Na gut, dann fahren wir eben schnell in den Aldi», sagte mein Vater. Meine Mutter nickte und zählte auf, welche anderen Dinge wir noch kaufen sollten. Im Laden fanden wir ein Dutzend Dinge, die uns sonst noch gefielen, gingen zur Kasse und verliessen den Laden 5 Minuten vor Ladenschluss. Zuhause angekommen waren wir überglücklich, hatten wir doch viel Tolles erworben. Zum Bedauern meiner Mutter leider nicht die Dinge, die sie brauchte, diese hatten wir vergessen. Meine Mutter verdrehte die Augen, während mein Vater und ich uns anlächelten.

  • Tochter: 2005, Schülerin
  • Vater: 1971, Hauswart & Allrounder
  • Jahr der Szene: 2023

Die Ruhe im Sturm

Solange ich mich zurückerinnern kann, sah ich meinen Vater auf den Balkon verschwinden, sobald ein Gewitter eintraf. Er fand die Klänge des Regens, den tobenden Wind und den Donner beruhigend. Mir hingegen machten der laute Donner und die Blitze grosse Angst, als ich etwa fünf Jahre alt war. Mein Vater setzte sich dann zu mir und erklärte, dass man durch Zählen herausfinden könne, wie weit weg ein Gewitter und wie gefährlich es wirklich ist. Man müsse nur zählen, wie lange es dauert, bis man nach einem Blitz den Donner hört. So machte er ein Spiel daraus und nahm mir die Angst vor Gewittern.  Seither schleiche auch ich bei Gewittern nach draussen, um zu zählen und den Klängen zu lauschen.

  • Vater: 1964, Händler
  • Tochter: 2004, Schülerin
  • Jahr der Geschichte: 2009

«Das ist mein Schatz!»

Eigentlich bin ich ohne Vater aufgewachsen. Als ich zur Welt kam, kam er mich nicht einmal anschauen. Bis ich 10 Jahre alt war, hatte ich ihn kaum gekannt. Mit 15 bin ich in der Stadt mal in ihn hineingelaufen, wir haben ein paar wenige Worte gewechselt und sind dann wieder zugelaufen. Als ich meinen ersten Freund hatte, habe ich seine Stammkneipe aufgesucht, mich frech an seinen Tisch gesetzt und ihm stolz meinen Freund vorgestellt: «Das ist mein Schatz!». Mein Vater hat sich gefreut und gesagt: «Ein toller Kerl.» Doch noch eine positive Erinnerung.

  • Tochter: 1946
  • Vater: 1910
  • Jahr der Szene: 1965

Das Blatt hat sich gewendet

Als Vater habe ich meine beiden gestalterisch sehr begabten Söhne immer wieder darin unterstützt, in wichtigen Schularbeiten Texte so zu verfassen, dass sie einfach, klar und verständlich lesbar sind, auch habe ich grammatikalische und orthografische Böcke zur Strecke gebracht und damit zum schulischen Weiterkommen meiner Sprösslinge einen sinnvollen Beitrag geleistet. Nun hat sich die Unterstützung zum ersten Mal komplett umgedreht: Der jüngere Sohn hat für die professionelle Illustration meines Buches gesorgt und mir gleichzeitig das Tor zu einer neuen Welt geöffnet. Weil der Verlag mit meinen Titelvorschlägen nicht glücklich war und ich nicht mit denjenigen des Verlages, hat mein Sohn in einer Selbstverständlichkeit das Exposé zusammen mit einer Rollenbeschreibung der künstlichen Intelligenz Chat GPT „gefüttert“ und die Maschine um Vorschläge für den Titel des Buches gebeten. Dabei ist mein Sohn sowas von natürlich, locker und routiniert vorgegangen, dass die Resultate der Maschine nicht nur gut, sondern überragend waren. Das Blatt hat sich gewendet, in jeder Hinsicht.

  • Vater: 1960, Kommunikationstrainer
  • Sohn: 1998, Grafiker
  • Jahr der Geschichte: 2023

Auf dem Rücksitz der Imperia

Mein Vater hatte einen kleinen Bauernhof. Da wir keinen Bruder hatten, lag alles an uns fünf Mädchen, die mithelfen mussten, vom Melken der Kühe bis zum Schleppen schwerer Getreide-Säcke. Kein Wunder habe ich es bis heute im Rücken. Am liebsten war ich im Wald Äste «büschelen», da hat mir niemand reingeredet.

Mit 50 hatte sich mein Vater einen Traum erfüllt und einen «Töff» gekauft, ein Motorrad der Marke «Imperia». Einmal durfte ich mitfahren, von Guntershausen hoch auf die Schwägalp. Auf der damaligen Kiesstrasse sind wir in einer Kurve ausgerutscht. Nur knapp schafften wir es, unter der schweren Maschine hervorzukriechen, und unsere Fahrt fortzusetzen. Ein verbindendes Erlebnis.

  • Tochter: 1935
  • Vater: 1898, Landwirt
  • Jahr der Szene: 1948

Als das Fenster aufging

Mein Vater hatte einen ausufernden Lebenswandel. Selten hatte er Zeit für uns, fast immer litt er unter einer Sucht. Er hatte gearbeitet, geraucht oder geschlafen. Zwischen zwei Süchten ist während 5 Jahren plötzlich ein Fenster aufgegangen. Nach einer Kur, ich war in der 6. Klasse, war er in guter körperlicher Verfassung und neu motiviert, Sport zu treiben. In dieser Zeit haben wir vieles nachgeholt: Fussballspielen, Wandern, Joggen. Auf dem Vita-Parcours haben wir uns angespornt und herausgefordert, Klimmzüge gemacht, uns gegenseitig gemessen. Plötzlich war Zeit zum Reden da. Zeit, um seine Lebensgeschichte zu erfahren. Bis das Fenster eines Tages wieder zuging.

  • Sohn: 1972, Projektleiter.
  • Vater: 1943-2016, Automechaniker.
  • Jahre der Szene: 1984-1989.