Geschichtenarchiv

Eine unverhoffte Kraft

Schweren Herzens schreite ich bei der Trauerfeier zum Rednerpult, um aus dem Leben meiner verstorbenen Mutter zu erzählen, meiner stummen Lehrmeisterin. Als ich bemerke, dass mir jemand intuitiv folgt, in zwei Metern Abstand. Ein kleines Mädchen, gerade mal 4 Jahre alt. Sich selbstverständlich zu mir gesellt, nach meiner rechten Hand tastet, und diese nicht mehr loslässt. Stoisch steht meine Tochter neben mir, steht zu mir, ist einfach da. Was für eine unverhoffte Kraft. Die Kraft eines kleinen Mädchens, die Kraft der nächsten Generation, das Leben geht weiter.

  • Vater: 1965, Trauerredner
  • Tochter: 2009
  • Jahr der Szene: 2013

Familien-Kapelle

Mein Vater war ein gmögiger, gwärchiger Landwirt, ein liebevoller und verfügbarer Vater. Und auch ein richtiger Heimweh-Simmentaler. Er war sehr musikalisch, schon früh hatten wir zusammen Musik gemacht. Er spielte Klarinette, mein Bruder Saxophon und ich Akkordeon. Mit unserer Familien-Kapelle traten wir in verschiedenen Restaurants der Umgebung auf und spielten volkstümliche Tanzmusik. Die Momente des gemeinsamen Probens und Auftretens haben uns zusammengeschweisst und sind bis heute ein verbindendes Element in unserer Familie.

  • Vater: um 1905, Landwirt
  • Tochter: 1936, Landwirtin
  • Aufgezeichnet von Marcel Kräutli

Über die Nussgipfel nach Hause

Meine Eltern führten gemeinsam eine Metzgerei. Damit meine Mutter am Wochenende auch mal etwas Zeit für sich hatte, machte mein Vater mit uns Kindern jeweils einen Spaziergang in der Umgebung. So ging es den Berg hoch bis zu einem Aussichtspunkt mit Blick über das St. Galler Rheintal. Auf dem Rückweg hatten wir drei Kinder „gmüedet“ und zum Ausdruck gebracht, dass wir „über die Nussgipfel nach Hause“ wollten. Es gab da nämlich eine Bäckerei auf dem Heimweg. Dort kaufte uns der Vater dann jeweils einen feinen Nussgipfel, bevor wir weiter nach Hause wanderten. Daheim angekommen hatte unsere Mutter bereits den Grill vorbereitet, um den Tag gemeinsam ausklingen zu lassen.

  • Vater: 1910, Metzgermeister
  • Tochter: 1945, Kindergärtnerin, Sozialarbeiterin
  • Jahr der Geschichte: 1949
  • Aufgezeichnet von Marcel Kräutli

Töffreise ins Tessin

Oft waren wir nicht zu zweit unterwegs. Umso intensiver waren diese seltenen Momente. Unvergesslich bleibt mir eine gemeinsame Töffreise ins Tessin. Mit der weiss-roten Yamaha über den Gotthard die Tremolastrecke runter, 24 Kehren auf Kopfsteinpflaster, die Postkutsche in der Gegenrichtung. Durch seinen sicheren Fahrstil hat mir mein Vater Sicherheit vermittelt und unterwegs die Schönheit der Schweiz gezeigt. Das hat mich berührt. Gelandet sind wir in Tenero in einem Grotto. Ein lauer Sommerabend mit Gesprächen ausserhalb des Alltagstrubels, die uns näherbrachten.

  • Tochter: 1986, Begleitspezialistin
  • Vater: 1960, Lastwagenmechaniker, Aussendienst
  • Jahr der Szene 2002

Ein kostbares Erbe

In meiner Familie wurde über Generationen hinweg ein einfaches Morgenritual weitergegeben, das die Essenz des Menschseins einfängt. Bereits als junger Mann begann mein Vater jeden Tag mit einem Zitat, sei es von Philosophen oder aus der eigenen Feder. Diese Weisheiten waren für ihn mehr als Worte; sie waren ein Anker, eine Inspirationsquelle und ein Leitfaden für sein Leben.

Als ich alt genug war, schenkte mir mein Vater einen Miniaturkoffer, gefüllt mit all diesen Zetteln, die er im Laufe der Jahre gesammelt hatte. Die Weitergabe all seiner Lebensweisheiten war für mich ein kostbares Erbe. Heute führe ich dieses Ritual fort, indem ich jeden Morgen ein Zitat aus dem Koffer auswähle. Diese Worte sind für mich die Quintessenz des Menschseins, zeitlose Weisheiten, die mich daran erinnern, was im Leben wirklich zählt.

  • Sohn: 1955, Biologe
  • Vater: 1920, Generalkonsul
  • Jahre der Szene: 1940 vom Vater geschrieben, 1975 an Sohn übergeben

Ein neues Körpergefühl

Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, in die visuelle und gestalterische Welt meines Sohnes einzutauchen, als er seinen DJ-Mixer und Laptop auf einer Geburtstagsfeier eines Freundes auspackte. Ich war sehr gespannt, aber er warnte mich: «Die Beats sind ziemlich intensiv, der Rhythmus sschnell!» Als ich dann auf der Tanzfläche stand, war ich zunächst tatsächlich schockiert, so etwas schien doch nicht tanzbar zu sein! Doch nach und nach fand ich meinen eigenen Rhythmus und konnte mich mit der Musik verbinden. Es war ein sehr schönes, ein intensives Erlebnis in der Beziehung zu meinem Sohn. Zum Schluss erklärte er mir überraschend: «Das war etwa ein Drittel langsamer als gewöhnlich, den normalen Rhythmus hättest du nicht überlebt!» Ich bedankte mich herzlich für seine Rücksichtnahme und genoss das neue Körpergefühl.

Sohn: 1996, Grafiker und DJ

Vater: 1960, Kommunikationstrainer

Jahr der Szene: 2023