Geschichtenarchiv

So macht Fussball doppelt Spass

Es ist früh am Morgen, kurz vor 6 Uhr. Dort, wo normalerweise die Büchse mit frisch duftendem Kaffeepulver steht, ist heute gähnende Leere. Erst auf den zweiten Blick bringt mich ein kleiner Hinweis auf die Spur: «1. April» steht auf einem kleinen Papierstreifen. Meine Kinder, 12 und 14 Jahre alt, drehen den Spiess immer mehr um, führen mich an der Nase rum, tauschen mein Gesundheitskissen gegen ein minderwertigeres aus, erfreuen mich aber auch immer wieder mit kleinen Aufmerksamkeiten, wenn sie in meiner Sporttasche eine kleine Stärkung oder die Karte «Viel Spass beim Fussball» verstecken. Eine wunderbare Beziehungsgeste.

  • Vater: 1965, leidenschaftlicher Feierabendkicker
    Töchter: 2007/2009, Streich-Spielerinnen
    Jahr der Szene: 2022

Das Schöne und Gute sehen

Vor kurzem ist meine Mutter verstorben. Zeitlebens hat sie ihren Blick auf das gerichtet, was nicht funktioniert. Nach ihrem Tod hat sie mir ein 30-seitiges Sündenregister vererbt. Da wurde minutiös festgehalten, in welcher Situation ich ihre Erwartungen nicht erfüllt, sie dadurch enttäuscht oder beleidigt hatte. Dieses „Geschenk“ hat mich sehr schockiert und verletzt. Beim Lesen habe ich nur laut gesagt: „Das gehört in den Schredder“. Mein Vater hat sofort verstanden, worum es geht. Kurz darauf steht er mit dem Aktenvernichter im Raum und zerschneidet damit den toxischen Inhalt dieses Erbstücks.

Zuhause angekommen habe ich meinen beiden Söhnen diese Geschichte erzählt. Schnell war klar, dass wir in unserer Familie genau das Gegenteil machen. Wir fokussieren auf das Schöne und Gute in unserer Beziehung. Meine Söhne wünschen sich auch ein Erbstück von mir, ein Dokument voller schöner Erinnerungen. Davon gibt es zum Glück unglaublich viele.

  • Sohn: 1960, Kommunikationstrainer
  • Vater: 1935, Ingenieur
  • Enkel: 1996/1998, Innenarchitekt und Grafiker
  • Jahr der Szene: 2022

 

«Hausaufgaben fürs Leben»

Ich muss etwa 14 oder 15 Jahre alt gewesen sein, als ich das erste Mal verliebt war. Aber wie meine Liebe gestehen? Ich war damals so scheu, dass ich die Strassenseite wechselte, sobald mir ein Mädchen entgegenkam. «Komm, wir Männer machen das», sagte mein Vater zu mir. Und so setzten wir uns an den Küchentisch und begannen, gemeinsam einen Liebesbrief zu schreiben. Ich wollte auf keinen Fall, dass meine Mutter mitbekommt, was wir gerade machen, das war mir peinlich. Und als sie dann die Küche betrat und fragte, was wir hier machen, antwortete mein Vater: «Hausaufgaben fürs Leben». Aus der Liebe wurde zwar nichts, aber von meinem Vater habe ich gelernt, meine Gefühle zu zeigen.

  • Sohn: 1978, Textilchemiker, Kulturvermittler
  • Vater: 1950, Textilarbeiter
  • Jahr der Szene: 1992

Blinder Passagier

Das Auflisten meiner Vätergeschichten macht mir bewusst, wie oft ich meinen Vater als Kind in seinem Element erleben durfte: als Alpinist, Geigenspieler, Kunstliebhaber oder Forscher. Durch seine wissenschaftliche Tätigkeit war er oft absorbiert, teilweise abwesend, auch in den Ferien. So folgte uns jeden Sommer ein blinder Passagier an unseren Ferienort und beanspruchte einen Grossteil seiner Aufmerksamkeit. Ob Aristoteles, Platon, Thomas von Aquin oder Donato Giannotti: Alle waren sie irgendwann zu Gast und haben uns mitgeprägt. Nur Freddie Mercury oder John Lennon waren leider nie dabei.

  • Sohn: 1965, Ferienkind
  • Vater: 1935, Staatsphilosoph
  • Jahre der Szene: 70er-Jahre

Rollenwechsel

Unsere beiden Töchter haben im Zwischenjahr nach der Matura je ein halbjähriges Volontariat im fernen Ausland gemacht, die eine in Kambodscha, die andere in Südafrika. Zum Ende des Volontariats war es mir vergönnt, die Töchter an ihrem Ort zu besuchen, das Land zu bereisen und gemeinsam nach Hause zu fahren. Nie hätte ich gedacht, dass ich in meinem Leben mal in den fernen Osten oder an die Südspitze Afrikas komme. Für mich ein eindrücklicher Rollenwechsel: In jungen Jahren haben wir Eltern unsere Kinder in die Welt geführt. Mit dem Erwachsenwerden eröffnen nun sie uns neue faszinierende Welten. Ich habe Mut gebraucht, mich darauf einzulassen, von den Töchtern „an der Hand genommen zu werden“. Es hat sich gelohnt. Ich habe die gemeinsame Zeit in der Fremde sehr genossen. Das bleibt fürs Leben.

  • Vater: 1967, Weltenentdecker
  • Töchter: 1998 und 2001, Welteneröffnerinnen
  • Jahr der Szenen: 2017 und 2022

Dr Bueb chunnt hei

Mutter liegt im Sterben. Jetzt, in der letzten Phase ihres Lebens, wurde die Pflege zuhause unmöglich. Mein Vater ist mit seinen Kräften am Ende. Darum der schmerzliche Entscheid, die Frau, mit der er sein ganzes langes Leben verbracht hat, in ein Sterbehospiz zu geben. Ein paar Tage später besuche ich ihn zuhause. Ich klingle an der Türe. Nach einiger Zeit kommt mein Vater und sucht umständlich den Schlüssel. Dabei singt er fortwährend, völlig beschwingt, die immer gleiche Zeile: „Dr Bueb chunnt hei, dr Bueb chunnt hei, dr Bueb chunnt hei…“ Das hat mich sehr berührt. ich habe meinen Vater zum ersten Mal in meinem Leben singen gehört und zum ersten Mal in meinem Leben eine unmittelbare emotionale Reaktion auf mein Kommen erfahren.

  • Sohn: 1960, Kommunikationstrainer
  • Vater: 1935, Ingenieur
  • Jahr der Szene: 2022