Geschichtenarchiv

Vater wäscht ab

Mein Vater liebt Spass, auch unkonventionellen. Heute gibt es nach dem Zmittag ein Dessert. Für uns Kinder eine zweischneidige Sache: Wir lieben zwar Dessert, aber dafür gibt es mehr abzuwaschen… Da nimmt mein Vater seinen Teller, schleckt ihn aus und legt ihn umgekehrt auf den Tisch: „So, der ist schon abgewaschen!“. Dieses Wohlwollen uns Kindern gegenüber hat mich geprägt. Dies trotz des frühen, krankheitsbedingten Todes meines Vaters, als ich etwa 12 Jahre alt war.

  • Tochter: 1947, Kindergärtnerin
  • Vater: 1913, Arzt
  • Jahr der Szene: 1955

Warum der Wind bläst

Kinder haben die wunderbare Gabe, überraschende Fragen zu stellen. Was mich vor ein paar Jahren dazu veranlasste, die Fragen meiner Kinder zu sammeln: Wie heissen Pferde zum Nachnamen? Haben Vögel Augenbrauen? Was ist das Gegenteil eines Blumenstrausses? Ist heute schon morgen? Und warum bläst der Wind? Eine poetische Antwort auf letztere Frage fanden wir in einem Kinderbuch: um deine Sorgen wegzupusten – eine unschlagbare Antwort.

  • Vater: 1965, Fragensammler
  • Töchter: 2007, 2009; Fragenstellerinnen
  • Jahre der Szene: 2015-2019

Ein Loch im Garten

Unser jüngstes Kind war schon immer begeistert vom Buddeln. Schon als Kleinkind hat er vor seinem Teller beim Essen einen Bagger nachgeahmt. Und irgendwann fragte er, ob er auf dem – wohlgemerkt sehr kleinen – Wiesenstück vor dem Haus ein Loch graben dürfe. Als Vater wollte ich schon den Kopf schütteln, doch Gott sei Dank schluckte ich damals zweimal leer und erlaubte es dann. Das Loch wurde recht ansehnlich und ist seit Jahren wichtiger Bestandteil des Spielens ums Haus. Auch für die beiden grösseren Schwestern und für die Nachbarskinder. Einmal wird nach einem Schatz gegraben, ein andermal eine Falle gebaut. Einmal wird es zugebuddelt, um später wieder ausgehoben zu werden, mal mit Wasser gefüllt, mal mit Blättern. Und hoffentlich gräbt auch Papi mit. Schöner macht der permanente Bauplatz das Plätzchen nicht. Aber klasse gibt es dieses Loch!

  • Sohn: 2013, Kindergärtler, Allrounder und Hobby-Graber
  • Vater: 1975, Soziologe und Hausmann
  • Jahr der Szene: 2015 – 2019

Ein guter Zuhörer

Mein Vater war schon immer neugierig. Obwohl er in seinen letzten Jahren im Rollstuhl sass, war er beweglich. In dem Sinne, dass er an meinem Leben interessiert war. Er hat stets nachgefragt, was ich gerade mache, wie es bei der Arbeit läuft und was wir in den Ferien so erlebten. Er war ein guter Zuhörer. Nie hat er mit seinem Schicksal gehadert und Trübsal geblasen.

  • Sohn: 1964, Agronom, Ökologe
  • Vater: 1932, Agronom
  • Jahr der Szene: 2012

Der Kamelreiter

Schon dreissig Tage ist er weg. Mein Vater ist von Eritrea in den Sudan gereist. Als Händler liefert er der reichen Schicht alkoholische Getränke. Whiskey, obwohl dies dort streng verboten ist. Die Reise ist nicht ungefährlich. Jeden Tag gehe ich am Morgen zur Strasse und halte Ausschau, ob er endlich nach Hause kommt. Ich warte schon wieder fast eine Stunde. Ein Kamel nach dem andern geht vorbei. Ich will schon aufgeben, als ein Kamelreiter im aufgewirbelten Staub auftaucht. Da ist er, mein Vater. Ich renne zu ihm und umarme ihn fest. Endlich ist er da. Und er bringt mir Karamellen, Erdnüsse und was ich besonders liebe: weisse Kleider.

  • Sohn: 1961, Surprise-Verkäufer, Mitarbeiter einer Reinigungsfirma
  • Vater: ca. 1940, Händler
  • Jahr der Szene: Ca. 1971 im Alter von 9-10 Jahren

Entwaffnender Humor

Mit 48 Jahren wechselte mein Vater den Beruf. Er war neu damit beschäftigt, sich in einem Büro in der Berner Innenstadt mit Stipendien-Anträgen zu befassen. Dabei erlebte er oft, wie Menschen ihren Frust bei ihm abluden. Hier zeigte sich eine Stärke meines Vaters, die auch bei uns zu Hause immer wieder zum Tragen kam: Mit Humor und einem entwaffnenden, liebevollen Spruch hat er Menschen zum Lachen und auf einen konstruktiven Weg gebracht. Ein passendes Wort von ihm und eine ausweglose Situation war entschärft.

  • Tochter: 1956, Lehrerin
  • Vater: 1925, Feinmechaniker
  • Jahr der Szene: 1973