Geschichtenarchiv

Tête-à-Tête im Studierzimmer

Ich erinnere mich gut an die Stunden kurz nach 6 Uhr morgens, als ich noch vor dem Frühstück im Studierzimmer meines Vaters Platz nahm, um mit seiner Unterstützung deutsche Texte ins Lateinische zu übersetzen oder Latein-Vokabeln zu büffeln, tête-à-tête. Das abrupte Ende unserer Zusammenarbeit läutete eine mehr als ungenügende Übersetzung ein, die mir trotz seiner gütigen Mithilfe eine blanke «1» eintrug… Geblieben ist mir das morgendliche Ritual trotzdem. Und so sitzt mir heute kurz nach 6 Uhr die eine oder andere Tochter gegenüber, um mit mir zu lernen, nachdem wir mit frischem Orangensaft auf unsere Zusammenarbeit angestossen haben.

  • Vater: 1965, Lernbeauftragter.
  • Töchter: 2007/2009, Schülerinnen.
  • Jahr der Szene: 2022.

Am Totenbett

Schweigend sitze ich am Totenbett meines Vaters und lasse Szenen aus meiner Kindheit an mir vorbeiziehen. Wie ich ihn mittags nach dem Primarschul-Unterricht bei der Arbeit abhole, und er mir auf dem Heimweg verbotenerweise in der Bäckerei ein Weggli kauft, um meine plötzlichen Hungeranfälle zu überbrücken. Wie er mir auf zu langen Wanderungen Geschichten erzählt, bis meine Beine fast von allein laufen. Oder wie er beim Sandburgen-Bauen eine eigene Technik erfindet, wie man nassen Sand aus der Hand rieseln lässt, um märchenhafte Schnecken-Türmli entstehen zu lassen. Friedlich schliesst sich nach 97 Jahren sein Lebenskreis. Und ich bin voller Dankbarkeit.

  • Tochter: 1960, Primarlehrerin, Deutschkurs-Leiterin.
  • Vater: 1922, Kaufmann.
  • Jahr der Szene: 2020.

He is my foundation

Mein Vater ist das Fundament, auf dem ich stehe. Seine Werte, seine Erziehung, seine Kultur und seine Art zu leben, haben mich geprägt. Er hat nie «Nein» gesagt. Egal, was ich tun wollte, er hat mir den Rücken gestärkt. Und er hat mich aufgefangen, wenn ich gefallen bin. Nach meinem ersten Jahr an der Universität in Delhi, weit weg von meiner Heimat im Oman, hatte ich zu kämpfen. In 6 Monaten verlor ich 20 Kilo Körpergewicht und brach deshalb mein Studium ab. Dank der Unterstützung meines Vaters konnte ich mein Studium wieder aufnehmen und mit Bravour abschließen. Mein Vater ist die Konstante in meinem Leben. Er ist mein Fundament.

Sohn: 1984, Head of Marketing. Vater: 1953, Architekt. Jahr der Szene: Delhi, 2005.

Aus der Reihe «Vätergeschichten aus aller Welt»

Klein-Paris

Meine Mutter war mit dem dritten Kind hochschwanger, als mein Vater einen Entlastungversuch vorschlug. Mit mir (5) und meinem Bruder (3) wollte er einen Tages-Ausflug nach Konstanz in die Miniatur-Ausstellung über Frankreich unternehmen, wie er sagte. Meine Mutter freute sich über die gutgemeinte Absicht, über die Art der Idee hingegen wunderte sich. Wie kann man mit Kindern im Kleinkind-Alter ins «Klein-Paris» gehen? Bis heute ist diese Anekdote der Running-Gag in unserer Familie, sobald das Stichwort «Frankreich» fällt. Mein Vater wundert sich noch heute, wie er auf solch eine Idee kommen konnte…

  • Tochter: 1990, Kindergärtnerin, DAZ-Lehrerin.
  • Vater: 1960, Krankenpfleger, Berufsschullehrer.
  • Jahr der Szene: 1994.

Not macht erfinderisch

Ich bin in einer nicht so reichen Familie mit 7 Kindern aufgewachsen, ich auf dem 5. Platz. Wir konnten uns wenig leisten. Deshalb musste ich immer die gleichen schwarzen Schuhe mit einem Klettverschluss tragen. Ich hätte so gerne weisse Turnschuhe mit Schuhbändeln gehabt. «Okay, da machen wir was, um deinen Wunsch zu erledigen», sagte mein Vater eines Tages, nahm die Schuhe in seine Fabrik, schnitt den Klettverschluss ab, stanzte Löcher und kaufte Schuhbändel. «Siehst du, jetzt hast du auch Turnschuhe.» Sie waren nicht perfekt und immer noch schwarz. Und trotzdem war ich sehr happy. Mein Vater hatte meinen Wunsch ernst genommen und im Rahmen seiner Möglichkeiten erfüllt.

  • Sohn: 1982, medizinischer Laborant.
  • Vater: 1955, Fabrikarbeiter.
  • Jahr der Szene: 1993.

Tod im Aquarium

«Tata, die doofen Fische jagen die kleine Garnele!», ruft meine Tochter (7) aus dem Fenster. Drei Minuten später öffnet sich das Fenster erneut: «Tata, sie beissen sie! Komm, wir müssen ihr helfen!!!» Schnell laufe ich die Treppen hoch, meine Tochter steht vor dem Aquarium und schreit panisch: «Schau, sie rupfen ihr die Beine ab, sie kann sich nicht wehren! Wir müssen sie retten!» Ihre Verzweiflung durchfährt meinen Körper wie ein Speer. Die Garnele ist aus unerklärlichen Gründen bereits tot, die niedlichen Neonfische hatten sie offensichtlich aufgefressen. Ein dramatisches Bild für ein kleines Kind. Ich fische die tote Zwerggarnele heraus und lege sie in eine Schale mit Wasser. «Sie ist tot!», erkennt nun auch meine Tochter und weint untröstlich. «Ja, sie ist tot», vermag ich lediglich zu sagen und nehme sie in den Arm. Und bin dankbar und glücklich darüber, dass ich ihr bei diesem tragischen Ereignis beistehen darf.

Vater: 1974, Gewaltberater
Tochter: 2014, Schülerin
Jahr der Szene: 2021