Geschichtenarchiv

Gottvertrauen

Als Papa seine Schweinezucht verkauft hatte, arbeitete er als Schweinezucht-Berater bei der Firma Silvestri. In dieser Funktion musste er gelegentlich am Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe nach Chur fahren, um im dortigen Schlachthaus die angelieferten Schweine zu kontrollieren. Auf einer dieser Fahrten passierte der schlimme Unfall. Mit 40 Brüchen weilte er über zehn Wochen im Spital Grabs, in den ersten Tagen zwischen Leben und Tod schwankend. Schliesslich wagte man eine Operation im Beckenraum. Am Vorabend der Operation war ich zufällig zu Besuch, als der Chefarzt vorbeikam, um Details zu besprechen. Da fiel der verrückte Satz meines Vaters, der einige theologische Bücher zusammenfasst: „Wössed Sie, Herr Toktor, i ha ä uverschämts Gottvertraue i Sie!“

  • Sohn: 1943, Lehrer, Verleger
  • Vater: 1914-1994, Käser, Magaziner, Schweinezucht-Berater
  • Jahr der Szene: 1970

Muttermilch-Kurier

Zwischen meinem Vater und mir bestand von Anfang an ein enges Band. Ich kam mit einer Rhesus-Unverträglichkeit zur Welt und musste länger im Krankenhaus bleiben. Meine Mutter konnte nach einigen Tagen nach Hause und sich dort auskurieren. Mein Vater fuhr täglich mit dem Fahrrad vom Dorf in die Stadt, um die Muttermilch ins Krankenhaus zu bringen. Diese Episode zeigt für mich sehr deutlich, wie ich meinen Vater später als Kind und auch als Erwachsene erlebt habe: Er ist immer für mich da, egal was passiert.

https://www.pfarreiforum.ch/wp-content/uploads/2020/07/Pfarreiforum_08_20_V%C3%A4ter.pdf

Appenzeller Schädel

Ein etwas einfältiger Gärtnergeselle war dabei, mit einem Flobertgewehr auf Spatzen zu schiessen. Beim Manipulieren ging ein Schuss los und traf meinen Vater aus einer Distanz von wenigen Metern an der Stirn. In einer längeren Operation im Kantonsspital wurden die beiden Teile der Kugel entfernt, die in die Knochen eindrangen, die Weichteile des Hirns aber glücklicherweise nicht erreichten. Zurück blieb zeitlebens eine grosse Vertiefung in der Stirn. Papa rühmte bis ans Lebensende seinen harten Appenzeller Schädel, der ihn (vor dem Tod?) schützte und das Kügelchen in zwei Teile „sprengte“. Die beiden Teile verwahrte er in der Schublade seines Nachttischchens. Später erzählte er gerne, dass er bei der Operation viel mitbekommen und realisiert habe, dass es um Leben und Tod ging. Wenn er durchkomme, versprach er, dürfe der älteste Sohn bei den Kapuzinern in Appenzell studieren. Das war dann ich.

  • Sohn: 1943, Lehrer, Verleger
  • Vater: 1914-1994, Käser, Magaziner, Schweinezucht-Berater
  • Jahr der Szene: 1954

Zehntels-Geige

Vor einem Jahr war mein Vater (83) Gast in meinem Kindergarten und hatte die Kinder mit seinem Geigenspiel verzaubert. Der kleine Jon, der seit diesem Erlebnis wusste, welches Instrument er mal spielen werde, ist nun gross genug – sein Traum geht in Erfüllung: Nach den Sommerferien beginnt er auf seiner „ZehntelsGeige“ mit dem Unterricht. Vor ein paar Tagen schickte mir Jon‘s Mama ein Bild des stolzen Sohnes – mit Dank an mich und meinen Vater.

  • Tochter: 1965, Kindergärtnerin
  • Vater: 1935, leidenschaftlicher Geigenspieler
  • Jahr der Szene: 2019/2020

Kirschenzeit

Langsam steige ich die einzelnen Stufen hoch bis in die Wipfel des Baumes. Mein Korb füllt sich mit süssen Kirschen. Unten steht mein Vater, der mich zu den ertragreichsten Ästen lotst und die ausgezogene Bockleiter fixiert – ein Flashback in meine Kindheit. Alles ist wie vor bald 40 Jahren. Fast. Alles ist grösser und schwerer geworden: der Baum, die Leiter, ich und mein Vater.

  • Tochter: 1973, Projektleiterin
  • Vater: 1943, Metallbau-Ingenieur
  • Jahr der Szene: 1980/2020

Trompete statt Fussball

Eigentlich hätte ich Profi-Fussballer werden wollen. Immerhin habe ich in der U15-Junioren-Nati gespielt. Mein Vater kam nie zuschauen. Er spielte leidenschaftlich Trompete. Immer wieder übte er auf dem Dachboden die gleichen 7 Lieder. Nein, er hat mich nie genötigt, Trompete zu lernen. Ich fand Trompete auch kein besonderes Instrument. Trotzdem bin ich (8) immer mal wieder auf den Dachboden gegangen und habe ihn (38) gebeten, mir Trompete beizubringen. Genau wie mein Vater habe ich später in Bands Trompete gespielt und gesungen. Heute spielen wir nur noch am Geburtstag zusammen Trompete, meistens eines der 7 Lieder.

  • Sohn: 1972, Schulleiter & Journalist
  • Vater: 1942, Musiker & Geschäftsführer eines Elektrogeschäftes
  • Jahr der Szene: 2012
  • Aufgezeichnet von Cornel Rimle