Geschichtenarchiv

Nicht wie bei allen anderen

Als unser erstgeborener Sohn in den Kindergarten kam, wurde er von seinen neuen Freunden regelmässig zum Mittagessen eingeladen. Er selbst wollte jedoch nie jemanden zu sich nach Hause einladen. Irgendwann begriffen wir, dass er sich «schämte», dass bei uns mittags der Vater kochte und nicht die Mutter wie bei allen anderen. Es ging so weit, dass meine Frau zwischendurch extra nach Hause kam, damit er seine Freunde unbeschwert einladen konnte. Heute ist unser Erstgeborener Feminist und in jeglichen Formen der Diskriminierung sehr reflektiert.

  • Vater: 1973, Soziokultureller Animator
  • Sohn: 2001, Student «Design Management»
  • Jahr der Szene: 2005

Ermutigung

Als ich im Alter von 47 Jahren den sicheren Lehrerberuf aufgeben will, um eine eigene Firma zu gründen, sagt mein Vater: Wenn’d merksch, dass du da wörkli mache wötsch, denn mach‘, sösch wersch im Alter en Söderi. Du tarsch au scheitere. Aber denn hesch es wenigschtens probiert und tenksch spöter nöd „Hett i doch“.

  • Sohn: 1943, Lehrer, Verleger
  • Vater: 1914-1994, Käser, Magaziner, Schweinezucht-Berater
  • Jahr der Szene: 1990

Stiller Dank

Beim Abstieg vom Altmann-Sattel zum Löchlibetterweg ist mein Vater auf dem Schneefeld ausgerutscht, konnte nicht stoppen, weil er auf dem Hintern rutschte und Beine und Arme ängstlich hochhielt, sodass das Tempo umso schneller war; so wäre er mit hohem Tempo in den Geröllbrocken gelandet. Für einen 73-Jährigen wäre das lebensgefährlich gewesen. Ich nahm einen Schnelllauf, rutschte mit hohem Tempo an ihm vorbei und stoppte ihn von unten. Dabei verletzte ich mich, kurz vor Felsbrocken und Geröll, an einem Stein unter dem Knie und lag 14 Tage im Kantonsspital. Als stiller Dank brachte mir mein Vater die Weltwoche (als sie noch gut war) ans Spitalbett.

  • Sohn: 1935, passionierter Berggänger
  • Vater: 1882, pensionierter Bankdirektor
  • Jahr der Szene: 1955

Wenn der Vater peinlich wird

Pubertät ist, wenn die Eltern peinlich werden. Im vorliegenden Fall betrifft es vor allem den Vater, der die Grenze zur Peinlichkeit immer wieder überschreitet, wenn er mit zu spitzen Schuhen zum Elterngespräch erscheint; Lehrpersonen übertriebene Komplimente macht; beim Adventskaffee den Kaffee verschüttet; oder Wartezeiten auf dem Bahnsteig mit Hampelmann-Machen überbrückt. Was denken wohl die anderen? Ja nicht auffallen, ja nicht von der Norm abweichen, lautet die Devise. Mit steigender Selbstwahrnehmung nimmt auch das Fremdschämen zu. Eltern werden zunehmend zur Gefahr, in die Peinlichkeits-Falle zu geraten.

  • Vater: 1965, Geschichtensammler
  • Töchter: 2007, 2009, kritische Beobachterinnen
  • Jahr der Szene: 2020/21

Das werdende Kind an der Hand

Mit zweiundzwanzig Jahren wurde ich Vater. Das Kind war nicht geplant gewesen, aber wir hatten die Möglichkeit zugelassen, dass eines kommen könnte. Die ersten Monate der Schwangerschaft waren voller Fragen. Konnten wir für ein Kind sorgen? Waren wir, war ich bereit und reif für ein Kind? Ich schrieb lange Seiten in mein Tagebuch, wir führten lange Gespräche auf Waldspaziergängen unter dem grauen Himmel von Februar und März, aber es blieb dabei: Mit dem Kind im Bauch wuchsen unsere Fragen und Unsicherheiten. An einem Abend setzte ich mich wieder an mein Pult und schrieb. Da sah ich mich, wie ich mit meinem Kind an der Hand in die Welt ging. Vor uns war es hell und ich konnte die kleine Hand in meiner spüren. Ich fühlte eine Wärme in mir und ich wusste, dass ich es wagen würde.

  • Vater: 1964, Student
  • Tochter: 1986, unterwegs auf die Erde
  • Jahr der Szene: 1986

Unser Beschützer

Schon als Kind weiss man, dass es Einbrecher gibt, die den Hausfrieden stören. In meinem Elternhaus lag die Wohnung im ersten Stock, im Parterre war der bescheidene Dorfladen eingerichtet. Da könnten Einbrecher schon fündig werden. Eines Nachts werden wir durch laute Geräusche und Gerumpel geweckt. Jetzt sind sie da, die Einbrecher. Was tun? Mein Vater holt das grosse Küchenmesser, stellt sich im Nachthemd wehrbereit ins Treppenhaus und ruft mit lauter Stimme: Wer da? Ich sehe ihn vor mir, als ob es gestern gewesen wäre. Das hat mir grossen Eindruck gemacht: Mein Vater kann uns verteidigen!

  • Sohn: 1943, Lehrer, Verleger
  • Vater: 1914-1994, Käser, Magaziner, Schweinezucht-Berater
  • Jahr der Szene: 1952