Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Kribbeln im Bauch
Jeden Moment ist es so weit. Meine Nervosität steigt, ich habe ein Kribbeln im Bauch. Das Auto meines Vaters biegt um die Ecke. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Unsere Zufahrtsstraße habe ich zusammen mit meinen Brüdern mit Kreide verziert: „Herzlich willkommen!“ Wir rennen neben dem fahrenden Auto her.
Die Wiedersehensfreude ist groß. Mein Vater lacht, ist braungebrannt und seine Reisetaschen riechen verführerisch nach exotischen und reifen Früchten aus Nairobi. Ich kann es kaum erwarten, dass er mir aus einer Mango einen Igel schnitzt. Ich bin glücklich und fühle mich sicher und geborgen.
- Vater: 1948, Swissair-Linienpilot
- Sohn: 1977, Linienpilot und Hausmann
- Jahr der Szene: ca. 1985
Lebenslanges Geschenk
Meine Eltern waren Diplomaten und wurden alle paar Jahre wieder in ein anderes Land versetzt. Für meinen älteren Bruder und mich bedeutete dies jeweils Abschied nehmen. Von Freunden, der sicheren Umgebung und der Sprache. Es blieb nur die Wurzel zum Bruder und den Eltern, die restlichen wurden ausgerissen und mussten im neuen Land wieder Boden finden.
Im Jahr 1968, als ich 13 Jahre alt war und meine Eltern erneut von Bern nach Kopenhagen versetzt wurden, entschlossen sich meine Eltern uns in der Schweiz zu lassen, damit wir uns endgültig im Heimatland verankern konnten. Mein Bruder hatte eine Stelle als Kaufmann angetreten und ich kam nach Kefikon in ein ländliches Internat, welches früher Landerziehungsheim heiss, dann aber den Namen änderte – aber nur den Namen.
Nach einem Besuchstag wurde mir bewusst, dass harte Zeiten auf mich zukamen. Am Tag, an dem mich meine Eltern im Institut „abgaben“, spürten wir den Schmerz des anderen und deshalb versuchten wir uns nichts anzumerken. Damals gab es noch keine Computer, geschweige denn Mobiltelefone. Der Kontakt zu den Eltern war nur mittels Briefpost erlaubt – ein Adieu war ein Adieu.
Beim Abschied sagte mir mein Vater: „Stöff, jetzt bist du für dein Leben selber verantwortlich. Wenn du bei einer Entscheidung unsicher bist, kannst du dich ja fragen, was ich dazu sagen würde. Was du dann machst, ist dann aber deine Sache.“
Als mit der Zeit das Heimweh nachgelassen hatte, wurde mir bewusst, dass diese Worte ein wunderbares, lebenslanges Geschenk waren. Ich habe es oft genutzt, selbst heute, auch nach dem Tod meines Vaters.
- Sohn: 1955, Biologe
- Vater: 1920, Generalkonsul
- Jahr der Szene: 1968
Ich und Mutter Natur
Mein Vater packt Strahler-Utensilien ins Auto: Pickel, Hammer, Seil, Klettergurt. Und natürlich darf das Picknick nicht fehlen. So fahren wir einmal mehr in ein schönes Bündner Südtal. Erst geht’s wie üblich auf eine Wanderung in steilem Gelände. Dahin, wo die Natur ihre Schätze verbirgt. Wir beginnen zu graben. Da – die Spitze eines Bergkristalls funkelt uns entgegen. Alle Strapazen sind vergessen. Nur noch ich, der Kristall, und mein Vater.
- Sohn (1986)
- Vater (1950)
- Jahr der Szene: ca. 1996
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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