Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Zweit-Meinung aus dem oberen Stock
Wenn ich in meinem Zimmer sitze, taucht hin und wieder eine Frage auf, die nach neuen Perspektiven ruft: eine E-Mail, die gegengelesen, oder eine Entscheidung, die getroffen werden soll. Ein paar Treppenstufen höher kann ich jederzeit Unterstützung holen. «Was sind deine Gedanken dazu», frage ich dann meinen Vater, wenn ich in seinem Büro direkt oberhalb meines Zimmers stehe. Mein Vater hat einen klaren Blick, erkennt schnell das Wesentliche einer Sache oder Situation. Es gibt mir ein gutes Gefühl, auch in Zukunft auf ihn und seine Unterstützung zählen zu dürfen. Dafür gilt ihm ein grosser Dank!
- Sohn: 2006, Kantischüler
- Vater: 1970, Sozialpädagoge
- Jahr der Szene: 2023
Epische Duelle
Sonntag. Ich, der Langschläfer-Teenager. Und die Frage: Wo gibt es überhaupt noch Berührungspunkte zu meinem Vater, einem bescheidenen und wenig ambitionierten «ansteckenden» Mann.
Unsere Insel ist ein verwildertes Wäldchen, nur 100 bis 200 Meter von zuhause entfernt. Dort im Wäldchen steht ein verlotterter Spielplatz mit einem abgenutzten Tischtennis-Tisch. Betonplatte aufgerauht, Ecken und Kanten zerklüftet, das Netz selbst mitgebracht. Dort haben wir uns – bei jedem Wind und Wetter – epische Duelle geliefert. Die Profis imitiert, wichtige Smashes gedroschen und den Ball sanft gestreichelt.
Ich habe meinen Vater nirgends sonst in einer so intensiven, spielerischen, kraftvollen Lebendigkeit erfahren wie dort. Ja, es waren heilige Momente. Gesprochen haben wir nicht viel, höchstens beim Trinken des warmen Tees, den mein Vater mitgebracht hat, dort auf dem Bänkchen. Nachher sind wir voll verschwitzt heim.
So richtig verstanden hat meine Mutter nie, was wir dort bei Schnee und Sonne, bei Regen und Wind in diesem Wäldchen gesucht haben.
- Sohn: 1972, Psychologe
- Vater: 1941, Landmaschinen-Konstrukteur
- Jahr der Szene: 1986
- Aufgezeichnet von Markus Theunert
Schnarchen im Gras
Es muss ein Sommerabend Ende 80er Jahre gewesen sein. Mein Vater packte unseren silbrigen Ford mit allem, was unsere fünfköpfige Familie für die Ferien brauchte. In der Dunkelheit fuhren wir dann los Richtung Westen, Ziel: unbekannt. In der Morgendämmerung hielt mein Vater irgendwo auf einer Nebenstrasse in Frankreich, um sich ein bisschen auszuruhen. Während die anderen im Auto weiterschliefen, legte ich mich aufs Autodach, das Surfbrett als Unterlage. Die Vögel zwitscherten, mein Vater schnarchte im Gras. Diese Geräuschkulisse höre ich heute noch: einen Klang nach Abenteuergeist, Unkompliziertheit und Einfachheit, die meinen Vater heute noch auszeichnen.
- Tochter: 1973, Sekundarlehrerin
- Vater: 1943, Metallbau-Ingenieur
- Jahr der Szene: Ende 80er Jahre
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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