„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Der Weg zum Pult

Als Tochter eines Lehrers war mir während meiner ersten drei Schuljahre der Vater an seinem Pult ein sehr vertrauter Anblick – im Schulzimmer (ich war damals seine Schülerin) und zu Hause. Daheim wurde ich von ihm ans Pult gerufen, wenn er mir etwas Wichtiges zu sagen hatte. An der Art, wie er meinen Namen (damals hiess ich noch Regula) aussprach und betonte, versuchte ich immer  – auf dem Weg vom Kinderzimmer durch den Gang in die Stube, wo sein Pult stand  – zu erraten, ob es etwas Gutes oder Schlechtes sein würde: zum Beispiel ein Zweifränkler für eine sehr gute Note oder eine Kritik über ein Verhalten, das meine Mutter ihm mitgeteilt hatte. Jedesmal tippte ich daneben. Und das war schlimmer als Tadel. Selbst die Münze konnte mich im ersten Schreck der Selbsttäuschung nicht freuen. Jetzt habe ich Worte dafür: Es war das Gefühl, ihn und die Situation nicht einschätzen und mich auf meine Wahrnehmung nicht verlassen zu können.

  • Tochter: 1967, Dozentin
  • Vater: 1939, Lehrer
  • Jahr der Szene: 1974

Aufklärung im Kino

Mein Mann und ich gehen gemeinsam mit unserem Sohn Moritz ins Kino. Nach einem Toilettenbesuch kommt Moritz ganz aufgeregt zu uns zurück und bittet seinen Vater um einen Euro. Auf die Frage meines Mannes, wozu er denn das Geldstück brauche, antwortet Moritz, er wolle beim Automaten in der Toilette eine Packung Luftballons kaufen. Uns wird schnell bewusst, um welche „Luftballons“ es sich handelt. Genötigt durch die Situation, nutzt mein Mann den Anlass zur Aufklärung unseres Sohnes. Von Neugier gepackt inspiziert Moritz den Automaten erneut, doch diesmal genauer. Anschliessend kommt er voller Aufregung zu uns zurück. Für alle Kinobesucher unüberhörbar und entsprechend gestikulierend, fragt er seinen Papi, wozu denn der Erdbeergeschmack gut sei, wenn man mit dem eigenen Kopf gar nicht dahin gelangen könne.

  • Erzählerin: Sozialarbeiterin i.A. (1974)
  • Sohn (2000, Schüler)
  • Vater (1973, Betriebswirt)
  • Jahr der Szene: 2006

Der Duft von Paraffin

Kalt ist es draussen, es liegt meterhoher Schnee, harter Schnee. Ein Tag, an dem die meisten Kinder im Zürcher Oberland auf die Bretter wollen, hinauf auf den Farner. Aus dem Keller steigt der Duft von Paraffin. Mein Vater hat noch vor dem Mittagessen das „Bügeleisen“ eingeheizt. Der Entscheid, welchen Wachs er mir heute auf die Bretter schmelzen will, ist schnell gefasst: Toko 5 und Toko 3. Ganz zum Schluss wickelt er noch ein kleines Stückchen Toko Silber in einen Stoffresten, drückt es mir in die Hand und meint lachend: „für alle Fälle – falls es doch noch wärmer wird.“ Fürsorge – das ist die Erinnerung an meine Kindheit.

  • Tochter: 1950, Übersetzerin & Lehrerin
  • Vater: 1924, Disponent
  • Jahr der Szene: anfangs der 60er Jahre

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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