„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Gesprochen hat er wenig

Auch bald 30 Jahre nach seinem Tod taucht er immer wieder in meinen Gedankenwelten auf. Offensichtlich hat mein Grossvater in mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich spaziere dann in Gedanken durch sein Landhaus, höre das Knarren des Parkettbodens unter meinen Füssen, sehe ihn auf dem Sofa sitzen, die hohe Stirn, das ernste Gesicht, vertieft in die Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung. Bevor er aufsteht, durchs Wohnzimmer läuft, am Esstisch Platz nimmt, seine Suppe schlürft und schweigt. Im Hintergrund höre ich die Nachrichten, während ich seine Zahnlücke und seinen goldenen Zahn bestaune. Wie gerne würde ich heute an seinem Tisch sitzen und über alles reden, was damals unausgesprochen blieb.

  • Enkel: 1965, Spaziergänger
  • Grossvater: 1909, Textilunternehmer
  • Jahre der Szene: 70er/80er-Jahre

 

Auf der Ladebrücke

Gemeinsam mit den zwei Brüdern durfte ich meinen Vater oft auf Reisen zur Kundschaft begleiten. Wir Kinder sassen jeweils auf der Ladebrücke des Kleinlastwagens. Noch heute spüre ich beinahe das Glücksgefühl und das Vorbeisausen des Windes. Ein jähes Ende nahmen diese Ausflüge, als eine Polizeipatrouille meinen Vater stoppte. Fortan durften wir nie wieder hinten auf der Ladebrücke sitzen.

  • Tochter: 1949, Sozialwissenschafterin
  • Vater: 1912, Mechaniker
  • Jahr der Szene: 1955

Seelenverwandt

Ich und mein Grossvater tragen nicht nur denselben Namen, unsere Seelen sind auch sonst eng verbunden. Wir zwei waren Dorfgespräch. Er, gehbehindert mit einem Stock, ich über ein „Gestältli“ und ein Seil mit ihm verbunden. So besuchten wir ältere Frauen. Er schätzte die Gespräche, ich die Guezli. Meine Mutter (Hebamme) konnte sich grässlich über Grossvater aufregen, wenn er mir denn Nuggi, nachdem er auf den Stallboden gefallen war, nur kurz an den Überhosen abwischte und wieder in den Mund steckte. Er meinte nur: “Was nicht tötet, mästet“ – und er hatte recht…. Käse war sein Leibgericht. Am morgen durfte ich jeweils auf seinen Knien sitzen und Käse essen. Seit er gestorben ist, ich war 4 Jahre alt, esse ich keinen Käse mehr. Als ich 14 Jahre alt war, bot mir meine Mutter 100 Franken, wenn ich es nochmals probiere – ich schaffte es nicht.

  • Sohn: 1967, Geschäftsführer von grösserem KMU
  • Grossvater: 1890, Bauer, Gastwirt und Viehhändler
  • Jahr der Szene: 1970

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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