Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Das Schöne und Gute sehen
Vor kurzem ist meine Mutter verstorben. Zeitlebens hat sie ihren Blick auf das gerichtet, was nicht funktioniert. Nach ihrem Tod hat sie mir ein 30-seitiges Sündenregister vererbt. Da wurde minutiös festgehalten, in welcher Situation ich ihre Erwartungen nicht erfüllt, sie dadurch enttäuscht oder beleidigt hatte. Dieses „Geschenk“ hat mich sehr schockiert und verletzt. Beim Lesen habe ich nur laut gesagt: „Das gehört in den Schredder“. Mein Vater hat sofort verstanden, worum es geht. Kurz darauf steht er mit dem Aktenvernichter im Raum und zerschneidet damit den toxischen Inhalt dieses Erbstücks.
Zuhause angekommen habe ich meinen beiden Söhnen diese Geschichte erzählt. Schnell war klar, dass wir in unserer Familie genau das Gegenteil machen. Wir fokussieren auf das Schöne und Gute in unserer Beziehung. Meine Söhne wünschen sich auch ein Erbstück von mir, ein Dokument voller schöner Erinnerungen. Davon gibt es zum Glück unglaublich viele.
- Sohn: 1960, Kommunikationstrainer
- Vater: 1935, Ingenieur
- Enkel: 1996/1998, Innenarchitekt und Grafiker
- Jahr der Szene: 2022
Fahrt im hellblauen Deux Chevaux
Weil ich mein Schlüsselbein gebrochen hatte, durfte ich allein mit meinem Vater in unserem hellblauen Deux Cheveaux nach Hause fahren. Es war das Ende der Sommerferien. Wir fuhren von unserem Ferienhaus im Zürcher Oberland nach Heidelberg. Dort wohnten wir. Da wir fünf Kinder waren, habe ich dieses seltene Solo noch lebhaft in Erinnerung. Mein Vater war viel lustiger und entspannter als sonst. Als wir hungrig wurden, packte ich aus dem Lebensmittelsack einen grossen dänischen Käse, der aussah wie ein Blumentopf und in einer roten Wachspackung steckte. Ich schälte den Käse aus dem Wachs und mein Vater biss sofort lustvoll ein grosses Stück ab. Abwechslungsweise und mit grossem Appetit assen wir den ganzen Mocken Käse auf.
- Tochter: 1966, Schauspielerin
- Vater: 1934, Theologieprofessor
- Jahr der Szene: 1978
Schnarchen im Gras
Es muss ein Sommerabend Ende 80er Jahre gewesen sein. Mein Vater packte unseren silbrigen Ford mit allem, was unsere fünfköpfige Familie für die Ferien brauchte. In der Dunkelheit fuhren wir dann los Richtung Westen, Ziel: unbekannt. In der Morgendämmerung hielt mein Vater irgendwo auf einer Nebenstrasse in Frankreich, um sich ein bisschen auszuruhen. Während die anderen im Auto weiterschliefen, legte ich mich aufs Autodach, das Surfbrett als Unterlage. Die Vögel zwitscherten, mein Vater schnarchte im Gras. Diese Geräuschkulisse höre ich heute noch: einen Klang nach Abenteuergeist, Unkompliziertheit und Einfachheit, die meinen Vater heute noch auszeichnen.
- Tochter: 1973, Sekundarlehrerin
- Vater: 1943, Metallbau-Ingenieur
- Jahr der Szene: Ende 80er Jahre
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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