Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
«O Tannenbaum»
Mein Vater hatte es nicht einfach. Als Heimkind aufgewachsen, später in der französischen und spanischen Fremdenlegion, jahrelang nierenkrank. Oft war es schwierig zwischen uns, gegenseitig haben wir aneinander gelitten. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich aber, was ich von meinem Vater gelernt habe: Schwimmen zum Beispiel, die Liebe zur Natur, aber auch seine christlichen Werte und seine Weltoffenheit. Ein Moment ist mir besonders geblieben: Als mein Vater an der öffentlichen Weihnachtsfeier auf dem Dorfplatz aus ganzem Herzen «O Tannenbaum» mitgesungen hat. Vorher und nachher habe ich ihn nie singen gehört. Ein Moment, der alle schwierigen Momente überstrahlt.
- Tochter: 1944, Kaufmännische Angestellte
- Vater: 1917-1989, Hilfsarbeiter
- Jahr der Szene: 1951
Unser Herr Sanders
Als Sanitär-Installateur hatte mein Vater immer wieder im Kloster Mariendonk zu tun. Er war bei den Nonnen sehr beliebt und brachte an Weihnachten immer wieder Geschenke aus dem Kloster nach Hause.
Mein Vater war bereits mehrere Jahre tot, als meine Mutter das Kloster aufsuchte und eine alte Nonne im Rollstuhl fragte, ob sie sich noch an ihren Mann erinnere. Mit grossen Augen sah die Nonne meine Mutter an: „Meinen Sie unseren Herrn Sanders?“ Und fragte ganz aufgeregt: „Wie geht es ihrer Tochter?“ Meine Mutter antwortete erstaunt: „Ich habe zwei Töchter.“ Die Nonne wurde etwas ungeduldig und meinte: „Ja ja, aber Sie haben eine Tochter, die sehr viel gereist ist, und Ihr Mann hat sich grosse Sorgen um sie gemacht. Wir haben immer für Ihre Tochter gebetet.“
Meine Mutter erzählte ihr, dass ich glücklich verheiratet sei und es mir gut gehe. Die alte Nonne lächelte und sagte: „Dann bin ich beruhigt, grüssen Sie Ihre Tochter von mir, ich werde weiter für sie beten.“ Nie hatte mein Vater meiner Mutter erzählt, dass er seine Sorgen um mich „seinen Klosterfrauen“ anvertraut hat. Danke Vati!
- Tochter: 1953, Geschäftsleitungs-Assistenz
- Vater: 1920-1998, Sanitär-Installateur
- Jahre der Szene: 1975-2006
Heimlich im Käsekeller
Ich stehe auf einem Schemel und schaue in die übergrosse Käsewanne. Faszinierend, wie mein Vater mit Schwung und Kraft die Käseharfe führt. Zwischendurch gibt er seinen Mitarbeitern Anweisungen oder erklärt mir, was er gerade macht. Dachte er wohl, bei so viel Interesse werde auch sein Jüngster Käser? Oft bekam ich bei diesen Besuchen in der Käserei ein Joghurt oder Käse zum Probieren. Es kam vor, dass ich mit meinen Kollegen heimlich im Käsekeller verschwand und Käse anstach. Wie man es machte, ohne nachher was zu sehen, hatte ich bei meinem Vater abgeschaut. Er machte dies, um den Reifegrad zu testen. So schmeckte der Emmentaler noch besser. Später, als mein Vater keine Käserei mehr hatte, gestand ich ihm unsere heimlichen Abstecher in den Käsekeller. Er lächelte nur. Es wurde kein Käser aus mir, dennoch kommen beim Käse-Essen manchmal die Erinnerungen hoch.
- Sohn: 1960, Sozialdiakon
- Vater: 1935, Käserei-Inspektor
- Jahr der Szene: 1968
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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