Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Das kannst du
Mein Vater setzt mich auf dem alten Bührer-Traktor ans Steuerrad. Angehängt ist ein Kreiselheuer mit zwei Drehtrommeln. Zwei Runden ist er mit mir gefahren, und auf der restlichen Fläche hat es weder Bäume noch andere Hindernisse. Vater hat alles eingestellt und mir gesagt, ich solle einfach Runden fahren, bis ich in der Mitte der Fläche angekommen sei. Dann steigt er ab und geht mit der Gabel den Parzellenrändern nach. Ich weiss, wo die Kupplung ist – und wenn ich vom Fahrersitz hinunterrutsche, würde ich sie mit dem Fuss auch drücken können. Das reichte auf der flachen Parzelle.
- Vater: 1931, Landwirt
- Tochter: 1967, Architektin
- Jahr der Szene: 1973
Sekundenauftritt
1955, 1.-Mai-Umzug durch Zürich. Ich stehe am Strassenrand und beobachte die Gewerkschafter, wie sie an mir vorbeiziehen. Plötzlich zeigt meine Mutter auf einen gross gewachsenen Arbeiter und sagt: „Dort hinten links, das ist dein Vater.“ Ein paar wenige Sekunden sehe ich ihn vor mir, bereits zwei Minuten später hätte ich ihn nicht wiedererkannt. Es sollte die erste und einzige „Begegnung“ mit meinem Vater bleiben. Als er mit 65 Jahren stirbt, erfahre ich in der Todesnachricht, dass er ein Leben lang nur 400 Meter von mir entfernt gewohnt hat.
- Sohn: 1944, Dachdecker, Chauffeur
- Vater: etwa 1920, Maurer
- Jahr der Szene: 1955
Not macht erfinderisch
Ich bin in einer nicht so reichen Familie mit 7 Kindern aufgewachsen, ich auf dem 5. Platz. Wir konnten uns wenig leisten. Deshalb musste ich immer die gleichen schwarzen Schuhe mit einem Klettverschluss tragen. Ich hätte so gerne weisse Turnschuhe mit Schuhbändeln gehabt. «Okay, da machen wir was, um deinen Wunsch zu erledigen», sagte mein Vater eines Tages, nahm die Schuhe in seine Fabrik, schnitt den Klettverschluss ab, stanzte Löcher und kaufte Schuhbändel. «Siehst du, jetzt hast du auch Turnschuhe.» Sie waren nicht perfekt und immer noch schwarz. Und trotzdem war ich sehr happy. Mein Vater hatte meinen Wunsch ernst genommen und im Rahmen seiner Möglichkeiten erfüllt.
- Sohn: 1982, medizinischer Laborant.
- Vater: 1955, Fabrikarbeiter.
- Jahr der Szene: 1993.
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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