Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Der Erste, der überlebt hat
In alten Tagen – er war bereits über 100 Jahre alt – hatte mich mein Vater in meiner Kammer besucht. Und mir von meiner Geburt erzählt. Damals sei die Kindersterblichkeit noch sehr hoch gewesen, die ersten drei Kinder seien alle gestorben. Als ich als erstes Kind überlebte, sei er vom Geburtszimmer die Treppe hinunter in die Stube gegangen und habe „brüelet“ vor Freude.
- Sohn: 1922, Maschinenschlosser
- Vater: 1885-1990, Landwirt
- Jahr der Szene: 1987
Einmal Australien und zurück
Kurz nach meinem Abitur – vier Wochen gemeinsam in Australien. In der stärksten Zeit der Abnabelung einen Monat lang jede Minute gemeinsam verbringen. Wenige Tage vor dem Rückflug die Tickets nicht mehr finden. Panisches Suchen und tief in mir der Wunsch, bei der Suche erfolglos und länger mit ihm in diesem wunderbaren Land zu bleiben. Mein Vater entdeckt sie dann nach mehreren Tagen doch noch, in der Souvenirbox zwischen zwei noch lebenden Krebsen.
- Tochter: 1981, Lehrerin
- Vater: 1953, Lehrer
- Jahr der Szene: 2001
Seelsorger mit Leib und Seele
Aix-en-Provence im Sommer 2015. Während meines Sprachaufenthalts wohne ich bei einer Gastfamilie. Mein vietnamesischer Gastvater Kyan macht meist ein ernsthaftes Gesicht, lacht kaum und wirkt etwas unnahbar, bis mein Vater ein paar Tage zu Besuch kommt. Eine Mitschülerin macht mich eines Tages darauf aufmerksam, sie hätte heute meine beiden Väter gesehen, gemeinsam auf einem Moped («petite moto»). Etwas verwundert nehme ich die überraschende Nachricht entgegen. Und tatsächlich, wenig später sehe ich die beiden durch die Stadt düsen: am Steuer ein kleiner Asiate, hinten drauf ein «Voradelberger», unbekümmert, wohlgelaunt, vollbepackt mit Früchten und Gemüse vom Markt – eine Mischung aus Brüderlichkeit und Abenteuerlust. Eine Szene wie im Film. Typisch für meinen Vater, der auf seine verschmitzte, spontane, direkte Art das Tuch wegzieht und dahinter schaut und so das Verborgene sichtbar macht, das Authentische aus den Menschen herauskitzelt. Mit Leib und Seele ist er Seelsorger, aus Berufung, immer und überall, unabhängig von Konfessionen. Als Kind war mir dieses «Überfallen» und «Überfordern» fremder Menschen peinlich. Heute bin ich stolz darauf, dass mein Vater auf eine positive Art provozieren kann. Etwas vom Schönsten, was in ihm steckt.
- Vater: 1962, Seelsorger
- Sohn: 1991, Lehrer
- Jahr der Szene: 2015
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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