„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Quarantäne-erprobt

Im Corona-Abstand von rund zwei Metern sitzen wir uns auf dem Garten-Sitzplatz gegenüber, nachdem die Einkaufstüten in der Küche deponiert sind. Pa sagt, er sei Quarantäne-erprobt. Im Einsiedler Internat seien sie hinter den Klostermauern von der Aussenwelt fast vollständig abgeschottet gewesen. Keine Zeitung, kein Radio, Fernsehen gab es noch nicht – eine frühe Quarantäne-Erfahrung. Dementsprechend wohl fühlt er sich in dieser Ausnahmesituation. Um 7 Uhr steht er auf, macht seine Rückenübungen, dann gönnt er sich ein opulentes, zweistündiges Frühstück mit ausgedehntem Zeitunglesen. Von 10 bis 17 Uhr sitzt er an seinem Schreibtisch, einzig unterbrochen von einer Suppe oder Obst. Gegen 17 Uhr besucht er seine Lebenspartnerin zu Fuss in drei Funktionen: als Zubringer, Kostgänger und Spitex-Ersatz. Wieder zuhause beginnt um 19 Uhr 30 die Tagesschau, die er seit ein paar Wochen im ehemaligen Kohlenkeller schaut, während er auf dem Hometrainer dreieinhalb Kilometer abspult. Nach einem Abend mit Musik, Literatur oder TV neigt sich zwischen 23 und 24 Uhr ein langer Tag dem Ende entgegen.

  • Vater: 1935, Autor
  • Sohn: 1965, Einkaufs-Assistent
  • Jahr der Szene: 2020

Fangis mit Grospi

„Grospi, du bist Fänger“, haben wir jeweils gesagt, wenn wir Grosskinder – fünf an der Zahl – dienstags bei unseren Grosseltern sein durften. Und sind in der grossen Wohnküche in alle Richtungen davongerannt, möglichst ohne uns in den Sackgassen der Wohnung zu verrennen. Zum Ärger unserer Grossmutter, die wir von ihrer Arbeit abgehalten haben. Jahrelang spielten wir Fangis. Bis uns Grospi eines Tages nicht mehr nachkam. Seither zeigt er uns Fotoalben und schwärmt von früheren Zeiten.

  • Enkelin: 2007, Schülerin
  • Grossvater: 1943, Maschinenschlosser
  • Jahre der Szene: 1998-2001

Anatomie-Unterricht in Garage

Mein Vater arbeitete als Metzger in einer Wurstfabrik. Hie und da nahm er ein halbes Schwein mit nach Hause, legte ein Metzgerbrett auf die Werkbank und zerschnitt es in der Garage fachgerecht. Meine Aufgabe war das Verpacken und Beschriften der Fleischpakete. Die Nachbarn klopften jeweils konspirativ an die Garagentüre und holten ihr günstiges Fleisch ab – der Hausbesitzer durfte nichts erfahren. Die geheimnisvolle Atmosphäre, im Hintergrund Hudigäggeler Musik vom alten Kassettengerät, Vaters Geschichten: Das waren ganz besondere Tage mit meinem Vater.

  • Tochter: 1965, Psychologin
  • Vater:1941, pensionierter Metzger
  • Jahr der Szene: 1977

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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