„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Lebenslanges Geschenk

Meine Eltern waren Diplomaten und wurden alle paar Jahre wieder in ein anderes Land versetzt. Für meinen älteren Bruder und mich bedeutete dies jeweils Abschied nehmen. Von Freunden, der sicheren Umgebung und der Sprache. Es blieb nur die Wurzel zum Bruder und den Eltern, die restlichen wurden ausgerissen und mussten im neuen Land wieder Boden finden.
Im Jahr 1968, als ich 13 Jahre alt war und meine Eltern erneut von Bern nach Kopenhagen versetzt wurden, entschlossen sich meine Eltern uns in der Schweiz zu lassen, damit wir uns endgültig im Heimatland verankern konnten. Mein Bruder hatte eine Stelle als Kaufmann angetreten und ich kam nach Kefikon in ein ländliches Internat, welches früher Landerziehungsheim heiss, dann aber den Namen änderte – aber nur den Namen.
Nach einem Besuchstag wurde mir bewusst, dass harte Zeiten auf mich zukamen. Am Tag, an dem mich meine Eltern im Institut „abgaben“, spürten wir den Schmerz des anderen und deshalb versuchten wir uns nichts anzumerken. Damals gab es noch keine Computer, geschweige denn Mobiltelefone. Der Kontakt zu den Eltern war nur mittels Briefpost erlaubt – ein Adieu war ein Adieu.
Beim Abschied sagte mir mein Vater: „Stöff, jetzt bist du für dein Leben selber verantwortlich. Wenn du bei einer Entscheidung unsicher bist, kannst du dich ja fragen, was ich dazu sagen würde. Was du dann machst, ist dann aber deine Sache.“
Als mit der Zeit das Heimweh nachgelassen hatte, wurde mir bewusst, dass diese Worte ein wunderbares, lebenslanges Geschenk waren. Ich habe es oft genutzt, selbst heute, auch nach dem Tod meines Vaters.

  • Sohn: 1955, Biologe
  • Vater: 1920, Generalkonsul
  • Jahr der Szene: 1968

Frisch geladene Batterien

„Popi, zugfahre, zugfahre“, begrüsst mich meine zweieinhalb Jahre alte Enkelin strahlend, wenn ich donnerstags vor der Türe stehe, um ihr einen Besuch abzustatten. Wenig später sitzen wir im Zug oder im Postauto, ohne festes Ziel vor Augen. Wir singen „Auf der schwäbsche Eisebahne“ und geniessen die Aussicht, bis meine Enkelin die Thur entdeckt und fragt, ob man da baden könne. Bei der nächsten Station steigen wir spontan aus und suchen uns einen Weg an die Thur. Das ist es, was ich so geniesse: Einfach da sein für das, was sich entwickelt. Ohne zu wissen, wo wir gemeinsam landen. Mit frisch geladenen Batterien komme ich abends nach Hause.

  • Grossvater: 1950, Swissair-Pilot a.D., 9-facher Grossvater
  • Enkelin: 2017, leidenschaftliche Zugfahrerin
  • Jahr der Szene: 2019

 

Das werdende Kind an der Hand

Mit zweiundzwanzig Jahren wurde ich Vater. Das Kind war nicht geplant gewesen, aber wir hatten die Möglichkeit zugelassen, dass eines kommen könnte. Die ersten Monate der Schwangerschaft waren voller Fragen. Konnten wir für ein Kind sorgen? Waren wir, war ich bereit und reif für ein Kind? Ich schrieb lange Seiten in mein Tagebuch, wir führten lange Gespräche auf Waldspaziergängen unter dem grauen Himmel von Februar und März, aber es blieb dabei: Mit dem Kind im Bauch wuchsen unsere Fragen und Unsicherheiten. An einem Abend setzte ich mich wieder an mein Pult und schrieb. Da sah ich mich, wie ich mit meinem Kind an der Hand in die Welt ging. Vor uns war es hell und ich konnte die kleine Hand in meiner spüren. Ich fühlte eine Wärme in mir und ich wusste, dass ich es wagen würde.

  • Vater: 1964, Student
  • Tochter: 1986, unterwegs auf die Erde
  • Jahr der Szene: 1986

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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