„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Epische Duelle

Sonntag. Ich, der Langschläfer-Teenager. Und die Frage: Wo gibt es überhaupt noch Berührungspunkte zu meinem Vater, einem bescheidenen und wenig ambitionierten «ansteckenden» Mann.

Unsere Insel ist ein verwildertes Wäldchen, nur 100 bis 200 Meter von zuhause entfernt. Dort im Wäldchen steht ein verlotterter Spielplatz mit einem abgenutzten Tischtennis-Tisch. Betonplatte aufgerauht, Ecken und Kanten zerklüftet, das Netz selbst mitgebracht. Dort haben wir uns – bei jedem Wind und Wetter – epische Duelle geliefert. Die Profis imitiert, wichtige Smashes gedroschen und den Ball sanft gestreichelt.

Ich habe meinen Vater nirgends sonst in einer so intensiven, spielerischen, kraftvollen Lebendigkeit erfahren wie dort. Ja, es waren heilige Momente. Gesprochen haben wir nicht viel, höchstens beim Trinken des warmen Tees, den mein Vater mitgebracht hat, dort auf dem Bänkchen. Nachher sind wir voll verschwitzt heim.

So richtig verstanden hat meine Mutter nie, was wir dort bei Schnee und Sonne, bei Regen und Wind in diesem Wäldchen gesucht haben.

  • Sohn: 1972, Psychologe
  • Vater: 1941, Landmaschinen-Konstrukteur
  • Jahr der Szene: 1986
  • Aufgezeichnet von Markus Theunert

Der kleine Archivar

Ich bin in einer Bibliothek aufgewachsen. Es gab kaum eine Wand in unserem Haus, an der nicht ein Regal steht, voll mit Büchern vom Boden bis zur Decke. Selbst im Keller standen Regale, die einem umfangreichen Zeitschriften-Archiv dienten. Als Politikwissenschaftler hatte mein Vater die wichtigsten Fachzeitschriften abonniert. Die verarbeiteten Ausgaben stapelte er jeweils auf einem extra Ablagetischchen links neben dem Schreibtisch. Mit 11 oder 12 Jahren habe ich es mir zur Aufgabe gemacht, die Rolle als Archivar zu übernehmen, die Zeitschriften in den Keller zu tragen und dort einzuordnen. Eine Aufgabe, die mir grossen Spass machte. Heute noch sehe ich einzelne Titel vor mir: Zeitschrift für Politik und Zeitgeschichte, Schweizer Monatshefte, „Eine Welt“ – das Magazin der DEZA usw.

  • Sohn: 1965, Journalist
  • Vater: 1935, Politikwissenschafter
  • Jahr der Szene: 1975

Besuch in der Giesserei

Ich kannte meinen Vater bisher nur als liebevollen Familienvater. Er war Gastarbeiter in einer Giesserei. Damals wurden wichtige Meldungen aus unserem Heimatland mit Telegrammen übermittelt. Mein Bruder und ich brachten ihm das Telegramm in die Fabrik. Ein grimmiger Portier holte meinen Vater aus der Giesserei. Voller Freude nahm sich Vater, mit einer schmutzigen grauen Lederschürze gekleidet, Zeit, um uns seinen Arbeitsort zu zeigen. Es war laut, kein Wort wurde geredet. Die schmutzigen Arbeiter verschmolzen mit der düsteren Umgebung. Es war dreckig und überall ein Chaos. Diese Umgebung war für mich furchteinflössend, und ich schaute mich heimlich nach dem Ausgang um. Daran änderte auch das Leuchten und das Funkensprühen des flüssigen Eisens nichts. Ich war froh, als er uns wieder nach draussen begleitete. Zehn Jahre später habe ich in der gleichen Giesserei ein Praktikum gemacht. Dass viel getrunken wurde und die Sicherheitsvorschriften mangelhaft eingehalten wurden, habe ich erst damals gesehen.

  • Sohn: 1952, Maschineningenieur
  • Vater: 1923, Gastarbeiter
  • Jahr der Szene: 1962

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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