Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Vaters Moped im Gemüsebeet
Als ich etwa 12 Jahre alt war, hatten wir noch das alte Moped meines Vaters zu Hause. Ich durfte es aber noch nicht fahren, da ich noch nicht alt genug war. In einem unbeobachteten Moment schnappte ich mir das Moped und wollte einige Runden auf unserem Rasen drehen. Anfangs ging es ganz gut, doch irgendwie blieb das Gas hängen, und ich fuhr einfach geradeaus weiter, direkt über die Gemüsebeete unserer Nachbarn. Als ich dann vom Moped runter fiel, rannte ich einfach weg und liess es mit laufendem Motor im Gemüsebeet liegen. Mein Vater bekam meine Dummheit natürlich mit und musste das Moped aus dem Nachbarsgarten holen und wieder nach Hause bringen. Er war ziemlich wütend, dass ich sein altes Moped so unachtsam behandelt hatte.
- Tochter (1991)
- Vater (1961)
- Jahr der Szene: 2003
Besuch in der Giesserei
Ich kannte meinen Vater bisher nur als liebevollen Familienvater. Er war Gastarbeiter in einer Giesserei. Damals wurden wichtige Meldungen aus unserem Heimatland mit Telegrammen übermittelt. Mein Bruder und ich brachten ihm das Telegramm in die Fabrik. Ein grimmiger Portier holte meinen Vater aus der Giesserei. Voller Freude nahm sich Vater, mit einer schmutzigen grauen Lederschürze gekleidet, Zeit, um uns seinen Arbeitsort zu zeigen. Es war laut, kein Wort wurde geredet. Die schmutzigen Arbeiter verschmolzen mit der düsteren Umgebung. Es war dreckig und überall ein Chaos. Diese Umgebung war für mich furchteinflössend, und ich schaute mich heimlich nach dem Ausgang um. Daran änderte auch das Leuchten und das Funkensprühen des flüssigen Eisens nichts. Ich war froh, als er uns wieder nach draussen begleitete. Zehn Jahre später habe ich in der gleichen Giesserei ein Praktikum gemacht. Dass viel getrunken wurde und die Sicherheitsvorschriften mangelhaft eingehalten wurden, habe ich erst damals gesehen.
- Sohn: 1952, Maschineningenieur
- Vater: 1923, Gastarbeiter
- Jahr der Szene: 1962
Gepflückte Baumwolle
Portugal, in der Nähe von Porto. Am Wochenende, wenn die Arbeit in der Textilfabrik ruhte, durften wir unserem Vater helfen, die Maschinen in 1000 kleine Teile zu zerlegen, zu reinigen und dann wieder zusammenzubauen. Noch heute habe ich den besonderen Duft in der Nase: den Duft nach Fett, Schmieröl und gepflückter Baumwolle, die eine flauschige Wärme verströmt. Besonders geprägt hat mich, dass es für meinen Vater eine Selbstverständlichkeit war, dass auch Mädchen einen Schraubenzieher in die Hand nehmen und eine Maschine zusammenbauen können. Er hat mich nicht nur als Frau gesehen, sondern als freien Menschen. Eine wichtige Erfahrung und Ermutigung.
- Tochter: 1971, Hochbauzeichnerin, Sozialpädagogin
- Vater: Auslandsmonteur, Aussendienst
- Jahr der Szene: 1976
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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