Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Töffreise ins Tessin
Oft waren wir nicht zu zweit unterwegs. Umso intensiver waren diese seltenen Momente. Unvergesslich bleibt mir eine gemeinsame Töffreise ins Tessin. Mit der weiss-roten Yamaha über den Gotthard die Tremolastrecke runter, 24 Kehren auf Kopfsteinpflaster, die Postkutsche in der Gegenrichtung. Durch seinen sicheren Fahrstil hat mir mein Vater Sicherheit vermittelt und unterwegs die Schönheit der Schweiz gezeigt. Das hat mich berührt. Gelandet sind wir in Tenero in einem Grotto. Ein lauer Sommerabend mit Gesprächen ausserhalb des Alltagstrubels, die uns näherbrachten.
- Tochter: 1986, Begleitspezialistin
- Vater: 1960, Lastwagenmechaniker, Aussendienst
- Jahr der Szene 2002
Aufklärung ganz einfach
Ich und meine Frau standen am Samstag in der Küche und bereiteten das Mittagessen vor. Da kam meine Tochter mit einer sehr ungewöhnlichen Frage angestürmt. Dass sie ihre achtjährige Schwester geschickt hatte, merkten wir erst, als wir sie im Nebenzimmer kichern hörten. „Stimmt es, dass Chindli gemacht werden, wenn der Papi das Pfiffäli beim Mami hineinsteckt?“ Wie aus einer andern Welt kam diese Frage bei uns an. Ja, antworteten wir nach einiger Zeit zurückhaltend. „Und Ihr habt es auch so gemacht?“ Ähm – ja, stotterten wir. Dann drehte sie sich um, scheinbar zufrieden. Plötzlich wendete sie sich nochmals und fragte noch: „Und, war es schön Papi?“ Erst jetzt brach das Eis. Wir mussten schallend lachen.
- Vater: 1962, Hauswart
- Tochter: 1988
- Jahr der Szene: 1991
Friedhofs-Gespräche
Meine Mutter hat jeden Morgen die Todesanzeigen in der Zeitung gelesen. Manchmal machte sie eine Bemerkung wie: „Ah, heute hat der Vater aber viel zu tun!“ Vater war Bestattungsbeamter.
Ein grosses Ereignis war für uns Kinder, ihn von der Arbeit im Stadthaus Zürich abzuholen. Stundenlang konnte ich meinem Vater zuhören, wenn er über die undurchdringbare Dunkelheit im Bündner Bergdorf, wo er aufwuchs, erzählte. Eine unvorstellbare Welt für uns Stadtkinder. In den Ferien gingen wir jeweils in seine Heimat, wo er sich der Grabpflege seiner Eltern widmete. Mehr über früher erfuhren wir, wenn wir die Fotos, Geburts- und Todeszahlen auf den Grabsteinen mit ihm betrachteten.
Viel später, nach Vaters Tod, holten wir ihn an seinem ehemaligen Arbeitsort im Stadthaus ein letztes Mal ab. Dass mir von ihm kein Ort zum Trauern und für Zwiegespräche blieb, betrübt mich manchmal. Aber die Erinnerungen an die gemeinsamen Friedhofsgespräche werde ich nie vergessen.
- Tochter: Mitarbeiterin familienservice, 1975
- Vater: Bestattungsbeamter, 1926
- Ort der Szene: Misox
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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