Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Jagd im Randengebiet
Mein Vater war ein passionierter Jäger. Als „Schulerbueb“, so mit 11 oder 12 Jahren, durfte ich ihn im Randengebiet auf die Jagd begleiten. Meine Aufgabe: Rehe treiben, sie aufscheuchen, mit Stecken an die Bäume schlagen, um das Wild in die Schusslinie zu bringen. Was mir besonders geblieben ist: die Kameradschaft unter den Jägern, ihre Ethik und Jägerphilosophie. Und natürlich mein Vater, der zuhause eher streng war, auf der Jagd aber so richtig aus sich herauskommen konnte, ein ganz anderes Gesicht von sich zeigte.
- Sohn: 1944, Banker
- Vater: 1897, Geschäftsmann Transportunternehmen
- Jahr der Szene: 1955
Gschichtlichopf
„Hets no es Gschichtli im Gschichtlichopf?“ So lautete der Code, kombiniert mit einem sanften Klopfen auf die Stirne des Vaters. Die beiden Buben liebten dieses tägliche Ritual, der Vater natürlich auch. „Mhhmm, weiss nid, muess mau ga luege…“ lautete die Antwort, die der Vater immer geben musste. Und oh Wunder, es hatte tatsächlich heute gerade noch eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden wollte. Dann kamen abwechslungsweise je zwei Stichworte, die in der Geschichte vorkommen mussten: Feuerwehrauto – Batman – Kaleidoskop – Kaugummi. Oder: Gletscher – Mondrakete – Schneemann – Wolf. Oder…. Jeder der Buben achtete peinlich genau darauf, dass sein Wort in der Geschichte vorkam. Und für Action war immer gesorgt. Dumm nur, wenn sie am Abend darauf die genau gleiche Geschichte noch einmal hören wollten, einfach darum, weil sie so spannend war. Da musste sich der Vater in der Regel helfen lassen oder wurde bei jedem zweiten Satz korrigiert: „Nei, das isch ganz angers gange, nämlech d‘ Prinzässin het dr Polizei aaglüüte u nid umgekehrt!“
Vater: 60, Schauspieler & Regisseur
Söhne: 23 und 25, Grafiker und Innenarchitekt
Jahre der Szene: 1999 bis ca. 2005
Werbepause
Mein Vater kommt aus Russland, sein Vater ist dort ein Schamane. Mein Vater hat eine Lehre als Polymechaniker gemacht. Dann war er KV-Angestellter. Jetzt ist er selbständig im Verkauf. Wenn ich Blödsinn mache, erzählt er mir, was er für Mist gemacht hat. Letztes Wochenende zum Beispiel, als ich mit schlechten Noten von der Schule kam, da hat er mir von seinen schlechten Noten erzählt. Und ein anderes Mal, wie er an seiner Konfirmation das Kleid an einem Zaun aufgerissen hat. Es war voller Blut. Seine Mutter war sehr hässig darüber. Solche Dinge erzählt er mir vor dem Fernseher. In der Werbepause.
- Sohn: 1996, Schüler
- Vater: 1959, Polymechanker, selbständig
- Jahr der Szene: 2012
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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