„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Letzte Tipps

Ich kam zur Welt, als mein Vater erst 20 Jahre alt war. Er wollte im Gebärsaal unbedingt dabei sein. Ein älterer Mann, dessen viertes Kind zur Welt kam, fragte ihn, ob er der kleine Bruder der Gebärenden sei. Meine Schulkolleginnen beneideten mich oft um meinen jungen Vater. Später, als ich 16 war, liess er es sich nicht nehmen, aktiv mit mir auf Lehrstellensuche zu gehen. Ich erinnere mich noch genau an die Autofahrt von Chur nach Luzern. Er sechsunddreissig, ich sechzehn. Während der ganzen Hinfahrt übte er mit mir das Bewerbungsgespräch und gab letzte Tipps. Bei der Rückfahrt freute er sich wie ein kleines Kind über die Zusage.

  • Tochter: 1967, Kleinkinderzieherin
  • Vater: 1947, Heizungsmonteur
  • Jahr der Szene:  ca. 1983

Verlängerter Arm der Mutter

Ich komme von der Schule zu spät nach Hause, Zeit vergessen, geschlendert, Umwege gelaufen… weil das erwartete Jäten im Garten wenig Spass verbreitete. Die Mutter war verärgert, hat mich mit Vorwürfen und Strafandrohungen empfangen, auf meine Ausreden und meinen Widerstand drohte sie mit Sanktionen von meinem Vater, wenn er nach Hause kommen werde. Ein paar Stunden später stand er unter der Türe und wurde gleich aufgefordert, für Ordnung zu sorgen und mir klar zu machen, dass ich eine Strafe verdient habe… Dies setzte dann ein paar kräftige Schläge auf meinen Hintern ab. Irgendwie habe ich gespürt, dass er dies mit Widerwillen tat.

  • Sohn: 1950, Pilot
  • Vater: 1921
  • Jahr der Szene: 1959

Heimlicher Stolz

Barfuss stehe ich unter dem Fabriktor und staune die Arbeiter an, die wie mein Vater nach Metall, Öl und Fett riechen. Ungeduldig trete ich von einem Bein aufs andere – und warte und warte. Endlich erscheint er, ganz hinten zwischen den Maschinen. Mit seiner breiten klobigen Hand ergreift er die Stempelkarte, die Nummer 1. Und dann kommt der grosse Augenblick! Vater holt sein Fahrrad aus dem Ständer, steigt auf und wartet, bis ich auf dem Packträger Platz genommen habe.

Wenn ich dann so hinter seinem Rücken sitze, überkommt mich ein stiller Stolz. Und ich weiss gar nicht so genau, warum ich ihn immer wieder von der Arbeit abhole, den langen Weg über stechenden Kies und klebrig heissen Asphalt unter die blossen Füsse nehme: Ist’s wegen den eindrücklich grossen Maschinen und ihrem Lärm? Ist’s wegen Vater, der sie alle bedienen kann? Oder ist’s wegen der luftigen Heimfahrt auf dem Packträger und dem heimlichen Stolz? Seht, das ist mein Vater, die Nummer 1!!!

  • Sohn: 1945, pensionierter Reallehrer
  • Vater: 1910, Autogenschweisser
  • Jahre der Szene: Mitte 50er-Jahre

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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