„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Intuitives Verständnis

Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich Säuglingsschwester werden. Für die Aufnahmeprüfungen musste ich mit dem Zug von Grenchen nach Basel reisen und von dort mit dem Tram weiter. Ob mit der Reise alles gut gehen würde, beschäftigte mich fast so sehr wie das Bestehen der Prüfungen.   An besagtem Tag bot mir mein Vater spontan an, mich zum Bahnhof zu fahren, wo er zu meiner grossen Verblüffung ein Billet nach Basel aus der Tasche zückte. Ich konnte es kaum glauben, dass er seine Schicht extra für mich abgetauscht hatte! Auf der Fahrt nach Basel platzierte ich meine Sorgen und Ängste, mein Vater stellte mir gezielte Fragen, hörte mir zu. In Basel begleitete er mich zum Prüfungsgebäude, ging während meiner Prüfungen spazieren und erwartete mich dann wieder vor dem Gebäude.   Später, als ich selbst Mutter wurde, wurden dieses intuitive Verständnis, dieser Rückhalt und die Sicherheit, die ich von meinem Vater erfahren durfte, zu den zentralen Grundwerten in der Erziehung meiner drei Kinder. Bis heute erinnere ich mich gerührt zurück an dieses Erlebnis, als mein Vater meine Nervosität wahrnahm und linderte, ohne dass ich darum gebeten hätte.

  • Vater: Koch, 1941
  • Tochter: Fachfrau Betreuung, 1963
  • Jahr der Szene: 1978

Auf der Baustelle

Als Bauführer ging mein Vater am Montagmorgen zur Arbeit und kam erst am Freitagabend wieder nach Hause. Einmal pro Jahr durfte ich ihn auf eine Baustelle begleiten – eine ganze Woche lang. So erinnere ich mich an den Bau einer Staumauer im Centovalli. Ich muss etwa zehn Jahre alt gewesen sein, als ich dort beim Mithelfen in der Container-Küche mein erstes „Sackgeld“ verdiente und einen riesigen Stolz hatte. Zudem konnte ich meinen Vater beobachten, wie ruhig er mit den Gastarbeitern aus Italien, Spanien und Portugal umging, nie habe ich ihn aufbrausend erlebt. Dass ich später meine Erstausbildung als Hochbauzeichnerin machte, wird nicht nur Zufall gewesen sein.

  • Tochter: 1959, Aus- und Weiterbildungsverantwortliche
  • Vater: 1928, Bauführer
  • Jahr der Szene: 1969

Sprungbrett-Schultern

Im Vorschulalter gingen wir sonntags regelmässig mit unserem Vater ins Hallenbad. Als ehemaliger Wasserballer, der es als Goalie bis in die Schweizer Nati schaffte, fühlte er sich pudelwohl, im nassen Element blühte er richtig auf. Wir liebten es, mit ihm rumzutollen, uns von ihm fangen und ins Wasser werfen zu lassen oder seine breiten Schultern als Sprungbrett zu nutzen.

  • Tochter: 1974, Kinderärztin
  • Vater: 1941, Versicherungsagent
  • Jahre der Szene: Anfangs/Mitte 80er-Jahre

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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