„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Hier und jetzt

Ich schlendere gemütlich durch den „Tierli Walter“. Hinter mir zappelt meine eineinhalb-jährige Enkelin – „dötä – ah – juhui – komm hierher – wartä – Hunger….“ Ich bin gerne voll für sie da. Schoppen, Windeln, Essen und alles was es so braucht vorbildlich im Rucksack vorbereitet. Ein Moment, in dem es keinerlei Kunst ist, im „Hier und jetzt“ zu leben. Der Alltag ist weit weg. Am Abend bringe ich sie wieder den Eltern – der Alltag darf wieder zurückkommen.

  • Grossvater:  1951, Büro für Kommunikation
  • Enkelin: 2010
  • Jahr der Szene: 2012

Als das Fenster aufging

Mein Vater hatte einen ausufernden Lebenswandel. Selten hatte er Zeit für uns, fast immer litt er unter einer Sucht. Er hatte gearbeitet, geraucht oder geschlafen. Zwischen zwei Süchten ist während 5 Jahren plötzlich ein Fenster aufgegangen. Nach einer Kur, ich war in der 6. Klasse, war er in guter körperlicher Verfassung und neu motiviert, Sport zu treiben. In dieser Zeit haben wir vieles nachgeholt: Fussballspielen, Wandern, Joggen. Auf dem Vita-Parcours haben wir uns angespornt und herausgefordert, Klimmzüge gemacht, uns gegenseitig gemessen. Plötzlich war Zeit zum Reden da. Zeit, um seine Lebensgeschichte zu erfahren. Bis das Fenster eines Tages wieder zuging.

  • Sohn: 1972, Projektleiter.
  • Vater: 1943-2016, Automechaniker.
  • Jahre der Szene: 1984-1989.

Stabsübergabe

Mein Vater war viel abwesend und kam erst spät am Abend nachhause. Ich erinnere mich vor allem an kurze und prägnante Leitsätze wie: „Wissen ist Macht“, oder „Geschäften kannst Du erst, wenn Geld in der Kasse ist“ oder „Wasser, das den Rheinfall heruntergestürzt ist, ist weg“ oder „Nur Leistung zählt“.  Besonders erinnere ich mich an unsere jährlichen 2 Wochen Sommerferien. Wir verbrachten sie mit der Familie von Vaters Freund aus der Handballzeit. Ich, mein Bruder, der Sohn des Freundes und die beiden Väter machten immer eine Olympiade. Die Frauen hatten ein eigenes Programm. Jeden Tag eine Disziplin: Minigolf, Jassen, Schwimmen, Tennis, Botscha, Pingpong und so weiter. Am Schluss gab es eine Preisverteilung und einen schönen Pokal. In diesem Sommer hatten die Väter Angst, von den Söhnen überholt zu werden. Um dies hinauszuzögern, war ihnen jedes Mittel recht. Sie änderten kurzerhand die Regeln. Wir schwammen  beispielsweise plötzlich nur noch die Breite im Freibad. So hatten sie mit dem Startsprung noch den nötigen Vorsprung um zu gewinnen. Nächstes Jahr ist definitiv Stabsübergabe.

Sohn: 1968, Qualitätsmanager

Vater: 1930, Unternehmensberater

Jahr der Szene:  ca. 1980

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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