„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen.

Grundidee

„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)

Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.

Aus dem Geschichtenarchiv

Beschützer-Instinkt

Als ich 6 oder 7 Jahre alt war, reisten wir für 5 Wochen nach Sibirien, um eine russische Lehrerkollegin meiner Mutter zu besuchen. Unsere russischen Nachbarn hatten einen Boxerhund, der immer angekettet war. Eines Tages aber spürte ich den kläffenden Hund hinter mir. Als er zuschnappen wollte, ist mein Vater total «durchgestartet»: Er hat Steine nach ihm geworfen und das Sackmesser gezückt, um den Nachbarn zu zeigen, dass er zu allem bereit sei. Nicht das kleinste Zögern war in seinem Handeln. Eigentlich ist mein Vater der grösste Pazifist, der grösste Hippie. Die Angst um sein Kind hat in diesem Moment seinen Beschützerinstinkt wachgerufen und eine bisher unbekannte Seite provoziert. Wie klar und gradlinig mein Vater mich in dieser Situation verteidigt hat, beeindruckt mich bis heute.

  • Sohn: 1990
  • Informatiker. Vater: 1945, Reiseleiter, Schneesportlehrer.
  • Jahr der Szene: 1996.

Das Ticket in eine andere Welt

Es ist wieder Samstag. Um 6 Uhr in der Früh stehen wir auf und gehen mit der Tageskarte auf Schweizer Reise. Gemeinsam mit unserem Vater durch die Welt gondeln. Über unser Dorf hinaus. Tage zuvor hatte mein Vater bereits den dicken Fahrplan studiert und mögliche Routen notiert. Es sollte keine Reise von A nach B sein, sondern eine über Pässe in die hintersten, entlegensten Täler unseres Landes. Meist haben wir nicht viel geredet, sondern gemeinsam aus dem Fenster geschaut und gestaunt.

Das eine Mal waren wir am späteren Nachmittag immer noch irgendwo im tiefsten Wallis. In einer Telefonkabine kündigte mein Vater meiner Mutter an, dass wir es wahrscheinlich nicht mehr nach Hause schaffen würden. Ein Schock für mich und meine jüngere Schwester. Gross haben wir uns angeschaut und im Stillen gefragt: Was macht man wohl, wenn man nicht mehr heimkommt? Wo übernachten? Ohne Mami? Irgendwie haben wir es dann doch noch geschafft, das letzte Stückchen im Taxi.

  • Tochter: 1977, Innendekorationsnäherin
  • Vater: 1946, Handwerker
  • Jahr der Szene: 1983

Käfer küsst Misthaufen

Bis zum Bauernhaus geht alles gut. Als 10-jähriger Junglenker sitze ich im blauen VW-Käfer. Neben mir mein Vater, der mir kurze, knappe Anweisungen gibt. Kurz vor der fatalen Kurve verstärken sich seine Worte zu einem hektischen Wortschwall. Komplett überfordert reisse ich das Steuer herum und lande mit der Kiste bei Gerbers im Misthaufen. Der linke Kotflügel ist nicht mehr zu sehen. Vater ist ganz bleich im Gesicht und sagt nichts mehr. Umso lauter ist der Hohn und Spott der herbei eilenden Bauernkinder. – Acht Jahre später wird die Fahrschule fortgesetzt, dannzumal im standesgemässen Volvo 121. Vater hat die Schwierigkeitsstufen sukzessive und mit Bedacht gesteigert, Misthaufen wurden grossräumig umfahren.

  • Vater: 1935 Elektroingenieur
  • Sohn: 1960 Schauspieler & Regisseur
  • Jahr der Szene: 1970

Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit

Liebe Leser*innen

Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…

Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.

In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.

So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.

Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden. 

Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

 

 

Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel

Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.

Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.

Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!

Beste Grüsse & alles Liebe

Marcel Kräutli

Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier

 

Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen

Liebe Leser:innen

Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.

Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.

Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.

Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.

Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.

Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.

Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.

Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!

Herzliche Grüße
Marcel Kräutli

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