Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Wind im Plastikdach
Ich sitze neben meiner Schwester auf dem Hintersitz des grünen Jeeps. Es ist der erste Sonntag im Juni. Einmal im Monat darf mein Vater diesen Jeep von der NOK – der Firma, in der er arbeitet – ausleihen. Das Plastikdach vibriert im Wind. Wir brausen nach dem „Klausenpass“ gegen Altdorf hinunter. Ich blättere im abgegriffenen „Mickimaus-Heft“. Vorher hat es mein Vater schon mehrmals gelesen. Zwischendrin schaue ich schräg hinüber zum Mann am Steuer. Heute sind wir sein Stolz.
- Tochter: 1943
- Vater: 1920, Automechaniker
- Jahr der Szene: 1953
Die Seilbahn
In den Walliser Bergen verbringen wir Familien-Ferien. Direkt neben unserem Ferienhaus baut mein Vater mit meinen zwei Brüdern und mir im Wald eine Seilbahn. Lange Schnüre um zwei Bäume herum, ein Tragseil und ein Transportseil. Aus Holz mit Heubällchen eine offene Gondel. Fertig ist die Transport-Seilbahn. Mein Vater baut sie mit uns, genauso wie er als Bauernsohn auch im Grossen damit gearbeitet hat. In mir lebt noch heute dieses Bild und das Glücksgefühl, mit ihm im Kontakt zu sein, transportiert über unser gemeinsames Bauwerk: die Seilbahn.
- Sohn: 1975, Erlebnispädagoge und Ritualbegleiter
- Vater: 1945, Krankenpfleger
- Jahr der Szene: 1982
Aufklärungsbuch oder Porzellanrössli?
Das 20 cm grosse Porzellanrössli war mir immer sehr wichtig. Das wusste mein Vater. Für mich war es immer Sinnbild für den unerfüllten Wunsch eines eigenen Pferdes. Dass dieser Wunsch nicht in Erfüllung geht, merkte ich erst in der Oberstufe. Ende der Oberstufe merkte ich auch, dass ich nie aufgeklärt wurde. Ich half hie und da in einem Behindertenheim aus. Das Pflegen der Männer war für mich sehr schwierig. Meinen Kindern habe ich deshalb sehr früh ein Aufklärungsbüchlein geschenkt. Das hat mein Vater nicht ertragen. Er kam mit dem Porzellanrössli angereist: “Aufklärungsbuch gegen Porzellanrössli“ war sein Angebot an mich. Ich ging auf den Handel ein und kaufte in der folgenden Woche ein neues Aufklärungsbuch.
- Tochter: 1964, Verwaltungsangestellte
- Vater: 1927, selbständiger Tapeziermeister
- Jahr der Szene: ca. 1992
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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