Grundidee
„Vätergeschichten“ besteht aus Fingerabdrücken von Vater-Kind-Beziehungen. (Corinne Bromundt, Illustratorin)
Im Auftrag von FamOS (Familien Ost-Schweiz) und männer.ch entwickelte Mark Riklin, Begründer der „Meldestelle für Glücksmomente“, anlässlich des 6. Vätertags 2012 das Projekt “Vätergeschichten“: Männer, Frauen und Kinder erzählten in öffentlichen Schreibstuben und ausgewählten Unternehmen von ihren Erinnerungen an ihre Väter, Grossväter oder an ihr Vatersein. Bis zum Vätertag 2013 ist ein Archiv aus 200 Szenen entstanden. “Vätergeschichten“ ist auf mehrere Jahre angelegt und verfolgt den Ansatz Väterlichkeit sowohl in der Öffentlichkeit als auch in Betrieben an kleinen Geschichten zu veranschaulichen. Dadurch soll ein Gegenpol zur problemorientierten Darstellung von Väterlichkeit entstehen. Biografische Erinnerungen korrigieren stereotype Bilder, zeigen die Vielfalt von Väterlichkeit und regen an, sich Zeit fürs Vatersein zu nehmen.
Aus dem Geschichtenarchiv
Top-fit mit Max Gregor
Beim Entrümpeln des Estrichs fand ich alte Langspielplatten und unseren alten Plattenspieler. Beim nächsten Besuch unserer Kinder und Grosskinder bestaunten wir gemeinsam die alten „Scherben“ und lachten über „Kasperligeschichten“, „Schnulzen“ aus der damaligen Hitparade, etc. Und dann entdeckten unsere Kinder die Polydor-Platte aus dem Jahr 1974 von Max Gregor. Der Titel heisst: „Trimm und tanz dich top-fit mit Max Gregor“.
Erinnerungen wurden wach: „Weisch no… Als kleine Kinder sind wir doch mit Papi zur Musik in Einerkolonne durch die Wohnung marschiert, haben die Füsse abwechselnd hochgestreckt …!“ Es benötigte keine weiteren Ausführungen, denn alle wussten um diese Erinnerung. Kurz imitierte noch jemand Max Gregor mit „Hoch und runter – hoch und runter“.
Spontan schlug eines der Kinder (mittlerweile zwischen 28 und 36 Jahren) vor, dies doch jetzt zusammen mit den Enkelkindern wieder zu tun. Wir legten die Platte auf und los ging’s: Papi wie damals voraus und alle gross und klein marschierten hinterher. Auch für die Grosskinder war das ein riesen Spass. Dieses Gaudi war nur möglich, weil so viele schöne Erinnerungen an früher daran hafteten. Fotos von diesem Ereignis haben wir in den Familienchat von WhatsApp gestellt und alle damals nicht anwesenden Kinder haben das Ganze einige Tage später wiederholen wollen …
- Ehefrau: 1954, Mutter von 4 Kindern, 5 Enkelkinder, Coach und Projektleiterin
- Ehemann: 1951, Vater von 4 Kindern, 5 Enkelkinder, Kaufmann, teilpensioniert
- Jahre der Szene: 1985-1988, 2013
Retter in der Not
Mit 14 war ich mit acht Jungschar-Mädels am Meer, als wir bestohlen wurden. Weinend habe ich zu Hause angerufen. Um 3 Uhr nachts ist mein Vater losgefahren, hat bei einer Pizzeria für alle Essen bestellt und 100.000 Lire dagelassen.
- Tochter: 1964 (Geschäftsführerin)
- Vater: 1933 (Hotelier)
- Jahr der Szene: 1978
Gottvertrauen
Als Papa seine Schweinezucht verkauft hatte, arbeitete er als Schweinezucht-Berater bei der Firma Silvestri. In dieser Funktion musste er gelegentlich am Montagmorgen in aller Herrgottsfrühe nach Chur fahren, um im dortigen Schlachthaus die angelieferten Schweine zu kontrollieren. Auf einer dieser Fahrten passierte der schlimme Unfall. Mit 40 Brüchen weilte er über zehn Wochen im Spital Grabs, in den ersten Tagen zwischen Leben und Tod schwankend. Schliesslich wagte man eine Operation im Beckenraum. Am Vorabend der Operation war ich zufällig zu Besuch, als der Chefarzt vorbeikam, um Details zu besprechen. Da fiel der verrückte Satz meines Vaters, der einige theologische Bücher zusammenfasst: „Wössed Sie, Herr Toktor, i ha ä uverschämts Gottvertraue i Sie!“
- Sohn: 1943, Lehrer, Verleger
- Vater: 1914-1994, Käser, Magaziner, Schweinezucht-Berater
- Jahr der Szene: 1970
Aktuelles
Jahresendzeit… Vätergeschichten-Zeit
Liebe Leser*innen
Jahresendzeit, Weihnachtszeit, Zeit mit der Familie, Zeit mit Menschen die einem nah & lieb sind. Zeit für Vätergeschichten, Zeit fürs «drüber Reden», wie Väterlichkeit erlebt, gelebt wird und wurde…
Seit 2012 existiert das Projekt Vätergeschichten – entwickelt im Auftrag von FamOS und männer.ch.
In öffentlichen Schreibstuben, in Unternehmen, Schulen, Altersheimen und an vielen anderen Orten wurden seitdem Erinnerungen an Väter, Grossväter oder das eigene Vater-Sein gesammelt.
So ist bis heute ein Archiv mit mehr als 300 Szenen entstanden.
Mit dem Vätergeschichten-Abo erhalten Sie einmal monatlich per E-Mail eine neue Erzählung – aus dem Geschichtenarchiv, das Vielfalt von Väterlichkeit sichtbar macht. Zudem finden regelmässig öffentliche Lesungen statt, bei denen ausgewählte Geschichten live gelesen und geteilt werden.
Melden Sie sich einfach mit Ihrer E-Mail an – und lassen Sie sich inspirieren von berührenden und lebensnahen Perspektiven auf Vater-Kind-Beziehungen. Jede Geschichte ein Fenster zu erlebten Väterlichkeit(en) und ein Angebot zur Reflexion der eigenen Beziehung zum Vater, zum Vater-Sein…
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Nächste Lesung Vätergeschichten: Freitag 12. September 2025 im Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel
Vor einiger Zeit durfte ich im tisg-Integrationszentum Wier in Ebnat-Kappel bei unbegleiteten, minderjährigen Asylsuchenden berührende Vätergeschichten sammeln.
Diese Geschichten darf ich am 12. September 2025 von 19 bis 20 Uhr, anlässlich einer öffentlichen Lesung mit musikalischer Begleitung, im tisg Integrationszentrum Wier in Ebnat Kappel vortragen.
Sie sind alle zur Lesung und zum anschliessenden Apéro herzlich eingeladen!
Beste Grüsse & alles Liebe
Marcel Kräutli
Vätergeschichten-Lesung im Integrationszentrum Wier
Das Vätergeschichten-Feuer weitertragen
Liebe Leser:innen
Zwei Jahre sind es her, seit ich das erste Mal mit dem Archiv für Vätergeschichten in Kontakt kam. Ich durfte eine Vätergeschichtensammlung & -lesung rund um das Fest der Kulturen in St. Gallen organisieren.
Das Thema liess mich seither nicht mehr los. Zum einen beruflich, als Väterberater beim Ostschweizer Verein für das Kind, und zum anderen als Vater und Bezugsperson von drei Kindern, welche ich beim Aufwachsen begleite.
Geschichte und Geschichten begleiten mich, seit ich denken kann. Geschichte war mein Lieblingsfach in der Schule. Ich liebe es noch heute zu lesen und dadurch in andere Welten ein- und abzutauchen.
Ich bin überzeugt, dass das Erzählen von Geschichten – sogar schon vor der Geburt – eine wertvolle Grundlage für die Vater-Kind-Bindung schafft. Es eröffnet auch immer wieder besondere Momente der Zweisamkeit und bereichert damit sowohl das Vater- als auch das Kindsein. Im Wissen, dass das Erzählen von Geschichten bisweilen ziemlich fordern kann. Bei mir zum Beispiel dann, wenn das eine Kind immer genau die eine – wirklich partout keine andere – Geschichte erzählt haben will und auch keine – noch so kleine – Abänderung toleriert. Oder das andere Kind keine vorgelesenen Geschichten akzeptiert und in ihren Worten, «Gschichte usem Muul» (als Begriff für «frei erfundene Geschichten») hören möchte.
Überzeugt davon, dass es nicht die eine Väterlichkeit, sondern eben viele Formen von Väterlichkeit(en) gibt, bin ich beruflich sehr neugierig darauf zu hören, wie Väterlichkeit erinnert wird. Der Frage nachzugehen, ob es generationelle und kulturelle Unterschiede gibt, oder vielmehr herauszufinden, wo die Gemeinsamkeiten liegen, reizt mich.
Darum freue ich mich sehr, das Vätergeschichten-Feuer von Mark Riklin übernehmen zu dürfen.
Ich bin geehrt und dankbar, dieses Feuer weitertragen zu dürfen. Die Glut zu hüten, von Zeit zu Zeit zu schüren und mit neuen, inspirierenden Geschichten lebendig zu halten.
Ich freue mich auf diesen Weg, viele spannende Begegnungen und noch mehr bereichernde Geschichten!
Herzliche Grüße
Marcel Kräutli
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