Geschichtenarchiv

Das Geheimnis wasserscheuer Steine

Als kleiner Bub, vielleicht 5 Jahre alt, bat mich mein Papi während einer Wanderrast an einem See um meine Aufmerksamkeit. „Pass gut auf“, sagte er. „Es gibt Steine, die mögen das Wasser gar nicht. Sie sind sogar richtig wasserscheu.“ Dann nahm er einen flachen Stein und warf ihn mit gekonntem Schwung aus dem Handgelenk auf den See hinaus. Und tatsächlich! Der Stein wehrte sich so gut er konnte gegen jeden Wasserkontakt und hüpfte in grossen Sprüngen über die Wasseroberfläche. Schlussendlich liessen seine Kräfte nach, und er versank. Wie eindrücklich! Aber kann das wirklich sein? Mit fragendem Blick schaute ich zu meiner Mami hinüber. Und sie, mit meinem fragenden Blick wohlvertraut, erklärte mir herzhaft lachend das Geheimnis der wasserscheuen Steine.

  • Sohn: 1977, Ingenieur
  • Vater: 1943, Ingenieur
  • Jahr der Szene: 1982

Das Ticket in eine andere Welt

Es ist wieder Samstag. Um 6 Uhr in der Früh stehen wir auf und gehen mit der Tageskarte auf Schweizer Reise. Gemeinsam mit unserem Vater durch die Welt gondeln. Über unser Dorf hinaus. Tage zuvor hatte mein Vater bereits den dicken Fahrplan studiert und mögliche Routen notiert. Es sollte keine Reise von A nach B sein, sondern eine über Pässe in die hintersten, entlegensten Täler unseres Landes. Meist haben wir nicht viel geredet, sondern gemeinsam aus dem Fenster geschaut und gestaunt.

Das eine Mal waren wir am späteren Nachmittag immer noch irgendwo im tiefsten Wallis. In einer Telefonkabine kündigte mein Vater meiner Mutter an, dass wir es wahrscheinlich nicht mehr nach Hause schaffen würden. Ein Schock für mich und meine jüngere Schwester. Gross haben wir uns angeschaut und im Stillen gefragt: Was macht man wohl, wenn man nicht mehr heimkommt? Wo übernachten? Ohne Mami? Irgendwie haben wir es dann doch noch geschafft, das letzte Stückchen im Taxi.

  • Tochter: 1977, Innendekorationsnäherin
  • Vater: 1946, Handwerker
  • Jahr der Szene: 1983

An Vaters Grab

Bis ich 12 war, glaubte ich, mein Stiefvater sei mein richtiger Vater. Als ich erfuhr, dass er es nicht war, schien mir augenblicklich klar, warum mir seine Anerkennung fehlte. Als ich meinen richtigen Vater mit 23 zum ersten Mal sah, war ich überrascht, mein inneres Bild war ein komplett anderes. Ein Jahr später starb mein Vater infolge eines Herzversagens. Zwölf Jahre später war ich zum ersten Mal an seinem Grab, neugierig darauf, wer er war. Ich erwartete eine Antwort, die nicht eintraf.

  • Sohn: 1978
  • Vater: 1952
  • Jahre der Szene: 2014

Weshalb ich keinen Smoking bekam

Mein Vater war Schneidermeister. Eines Tages fragte ich ihn (72), ob er mir (43) einen Smoking nähen würde. Er hatte tausend Ausreden, obwohl er für Vereine im Dorf auch nähte. Ich schleppte meine Enttäuschung mit mir herum, bis mir zwei Jahre später an einem Seminar plötzlich alles klar wurde. Sein Vater, auch Schneider, hatte ihm versprochen, dass er ihm eine Lederhose nähen würde, wenn er aus dem Krieg zurückkomme. Er kam nie zurück.

  • Sohn: 1965, Krankenpfleger und beratender Seelsorger
  • Vater: 1936, Schneidermeister
  • Jahr der Szene: 2008
  • Aufgezeichnet von Cornel Rimle

Im Duett

Die grosse Verbindung zwischen mir und meinem Vater war die Musik. Mein Vater spielte sehr gut Geige, und ich durfte Klavier spielen lernen. Nach ein paar Jahren Klavierunterricht begannen wir, gemeinsam zu musizieren, was uns eine ganz besondere Nähe ermöglichte. Meine Mutter, die das ganze Leben an Depressionen litt, missgönnte uns diese konzertanten Stunden. Doch mir und meinem Vater haben sie viel Freude bereitet. Und das Tor zur Welt der Musik geöffnet. Dafür bin ich meinem Vater noch heute dankbar.

  • Tochter: 1949, Kindergärtnerin
  • Vater: 1920, Bahnbeamter
  • Jahre der Szene: ab ca. 1962

Gschichtlichopf

„Hets no es Gschichtli im Gschichtlichopf?“ So lautete der Code, kombiniert mit einem sanften Klopfen auf die Stirne des Vaters. Die beiden Buben liebten dieses tägliche Ritual, der Vater natürlich auch. „Mhhmm, weiss nid, muess mau ga luege…“ lautete die Antwort, die der Vater immer geben musste. Und oh Wunder, es hatte tatsächlich heute gerade noch eine Geschichte, die unbedingt erzählt werden wollte. Dann kamen abwechslungsweise je zwei Stichworte, die in der Geschichte vorkommen mussten: Feuerwehrauto – Batman – Kaleidoskop – Kaugummi. Oder: Gletscher – Mondrakete – Schneemann – Wolf. Oder…. Jeder der Buben achtete peinlich genau darauf, dass sein Wort in der Geschichte vorkam. Und für Action war immer gesorgt. Dumm nur, wenn sie am Abend darauf die genau gleiche Geschichte noch einmal hören wollten, einfach darum, weil sie so spannend war. Da musste sich der Vater in der Regel helfen lassen oder wurde bei jedem zweiten Satz korrigiert: „Nei, das isch ganz angers gange, nämlech d‘ Prinzässin het dr Polizei aaglüüte u nid umgekehrt!“

Vater: 60, Schauspieler & Regisseur

Söhne: 23 und 25, Grafiker und Innenarchitekt

Jahre der Szene: 1999 bis ca. 2005