Geschichtenarchiv

Insel der Ruhe

Zu Weihnachten habe ich mir Zeichnungs-Zubehör gewünscht. Mein erstes Projekt war dann ein Porträt-Bild meines Vaters. Noch heute kann ich das Bild vor mir sehen: Vater in seinem bequemen Sessel, die Füsse hochgelagert, die Rückenlehne schräggestellt. Ich weiss gar nicht, ob er bemerkte, dass ich ihn zeichnete. Er war da, hat vielleicht nachgedacht oder geträumt oder sogar versucht, an nichts zu denken. Er hatte in seinem Leben viel Stress, war täglich 12 Stunden unterwegs. Wenn er dann nach Hause kam, wollte er seine Ruhe haben. In diesem Sessel hatte er seine Ruhe gefunden.

  • Tochter: 1980, Assistentin
  • Vater: 1952, Buchhalter
  • Jahr der Szene: 1993

Vaters erste Fahrstunde

Mit drei Berufen und fünf Kindern war mein Vater ein vielbeschäftigter Mann. Um die ganze Arbeit als Landwirt zu bewältigen, musste eine Arbeitshilfe her: ein Traktor „Hanomag R12“, eine Art „Ackermoped“ mit gewöhnungsbedürftigem Klang. Da der Führerschein meines Vaters nicht rechtzeitig eintraf, half ein Bekannter aus. Zu zweit fuhren sie aufs Feld, um den Acker zu bearbeiten – Vaters erste Fahrstunde. Wenig später zog Vater mit dem Hanomag Runde um Runde. Nach getaner Arbeit war kein Fahrlehrer mehr zu sehen. „Mit der heutigen Fahrpraxis kann ich auch nach Hause fahren“, sagte sich mein Vater und machte sich auf den Heimweg. Alles ging gut, bis aufs Anhalten vor dem Garagentor, das war noch nicht geübt. Vater fuhr den Hanomag R12 mit der vorderen Anhängerkupplung vor das hölzerne Garagentor – mehrfach vor und zurück. Mit tränenden Augen beobachtete ich die Szene vom Küchenfenster aus. Das Loch im Garagentor ist bis heute eine bleibende Erinnerung an die erste Fahrstunde meines Vaters.

  • Vater: 1903. Schlosser, Landwirt, Brennstoffhändler.
  • Sohn: 1944. Elektrotechniker.
  • Jahr der Szene: 1955

«O Tannenbaum»

Mein Vater hatte es nicht einfach. Als Heimkind aufgewachsen, später in der französischen und spanischen Fremdenlegion, jahrelang nierenkrank. Oft war es schwierig zwischen uns, gegenseitig haben wir aneinander gelitten. Je älter ich werde, desto mehr sehe ich aber, was ich von meinem Vater gelernt habe: Schwimmen zum Beispiel, die Liebe zur Natur, aber auch seine christlichen Werte und seine Weltoffenheit. Ein Moment ist mir besonders geblieben: Als mein Vater an der öffentlichen Weihnachtsfeier auf dem Dorfplatz aus ganzem Herzen «O Tannenbaum» mitgesungen hat. Vorher und nachher habe ich ihn nie singen gehört. Ein Moment, der alle schwierigen Momente überstrahlt.

  • Tochter: 1944, Kaufmännische Angestellte
  • Vater: 1917-1989, Hilfsarbeiter
  • Jahr der Szene: 1951

Nacktschnecke

Als ich 6 Jahre alt war, lebte ich mit meinen Eltern in Bordeaux in Frankreich. Mein Vater hatte damals ein Magengeschwür, und der Arzt empfahl ihm, eine lebende Limace zu schlucken. Die Nacktschnecke sollte über die verletzte Stelle schleichen und unterwegs Schleim ausscheiden, um die verletzte Stelle zu heilen. Also begann ich, im Garten alle Limace einzusammeln und meinem Vater zu bringen. Um ehrlich zu sein, muss ich aber gestehen, dass mein Vater nicht eine einzige Schnecke schlucken konnte. Also habe ich sie alle wieder frei gelassen.

  • Sohn: 1955, Biologe
  • Vater: 1920-2013, Generalkonsul
  • Jahr der Szene: 1961

Wo der Himmel beginnt

Kinder zeichnen den Himmel oft als horizontalen Strich, der einen leeren Raum zwischen Himmel und Horizont lässt. Während eines Spazierganges an der Sitter fragte ich deshalb meinen Sohn, wie hoch oben der Himmel eigentlich wirklich sei?  Ich staunte nicht schlecht über die Antwort meines damals dreijährigen Sohnes: „Dort, wo die Wasserrakete ihren höchsten Punkt erreicht, dort fängt der Himmel an.“

  • Vater: 1991, Lehrer & Musiker
  • Sohn: 2016
  • Jahre der Szene: 2020

Die Sache mit der Reiseapotheke

Gesellschaftliche Rollenmuster sitzen tief. Wenn meine Kinder kleine Blessuren haben, ein aufgeschürftes Knie, einen Insektenstich oder ein Unwohlsein, dann rufen sie fast schon reflexartig nach Mama. Obwohl doch auch ich gefragt werden könnte… Wie dieses Muster durchbrechen? Seit die Reiseapotheke in meiner Velotasche ist, führt der Weg direkt über mich. Und demnächst liegt die Hausapotheke unter meiner Betthälfte.

  • Vater: 1965, Geschichtensammler
  • Töchter: 2007, 2009
  • Jahr der Szene: 2019