Geschichtenarchiv

Das lange Echo des Alpstein-Jubels

In den Sommerferien nimmt mich mein Papi auf eine Klettertour mit. Nur zu zweit bezwingen wir den fünften Kreuzberg. In der Bergwelt blüht mein Vater auf. Er lässt seinen ureigenen Bergruf, ein kurzer Jubel-Jodel, von den Felswänden widerhallen. Und ich darf ihn von einer ganz anderen Seite erleben als im Alltag der Grossfamilie. Mein Vater erzählt Geschichten aus seiner Jugend und ich erfahre von seiner ersten Liebe auf der Meglisalp. Das Spüren seiner Sehnsüchte und das Erleben der Freiheitsgefühle, welche die Bergwelt in ihm freisetzen, stecken mich an und lassen mich spüren, dass ich aus dem gleichen Holz geschnitzt bin wie er. Das Echo seines Jubel-Jodels klingt bis heute in mir nach.

  • Sohn: 1971, Geschichten- und Melodienerfinder
  • Vater: 1935, Erforscher von politischen Ideen
  • Jahr der Szene: 1988

Kribbeln im Bauch

Jeden Moment ist es so weit. Meine Nervosität steigt, ich habe ein Kribbeln im Bauch. Das Auto meines Vaters biegt um die Ecke. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Unsere Zufahrtsstraße habe ich zusammen mit meinen Brüdern mit Kreide verziert: „Herzlich willkommen!“ Wir rennen neben dem fahrenden Auto her.

Die Wiedersehensfreude ist groß. Mein Vater lacht, ist braungebrannt und seine Reisetaschen riechen verführerisch nach exotischen und reifen Früchten aus Nairobi. Ich kann es kaum erwarten, dass er mir aus einer Mango einen Igel schnitzt. Ich bin glücklich und fühle mich sicher und geborgen.

  • Vater: 1948, Swissair-Linienpilot
  • Sohn: 1977, Linienpilot und Hausmann
  • Jahr der Szene: ca. 1985

Schmeichelhafte Einladung

Mein Vater spielt Volleyball, seit ich denken kann. Was dazu führt, dass ich ihm bereits in jungen Jahren nacheifere und in die Jungs-Mannschaft der Schule eingeschleust werde, obwohl ich viel jünger bin. Im Alter von 17 Jahren erhalte ich die schmeichelhafte Einladung, anlässlich des 50. Geburtstags eines Kollegen meines Vaters bei einem Beachvolleyball-Turnier mitzuspielen. Am Ende des „never-ending-game’s“ von 9 bis 18 Uhr bin ich braungebrannt und überglücklich, diese Leidenschaft mit meinem Vater teilen zu dürfen.

  • Tochter: 1981, Lehrerin
  • Vater: 1953, Lehrer
  • Jahr der Szene: 1998

Wenn es keine Worte braucht

Pfingstferien. Mein Vater und ich fliegen für zehn Tage nach Amerika, genauer gesagt nach Manhattan, New York. Als wir auf dem Empire State Building stehen, ist das einer dieser Momente, die Menschen näherbringen. Schweigend blicken wir auf die Stadt, Worte sind überflüssig. Alles an der Stadt ist gross und vielseitig, das leckere Essen und das Kennenlernen des Grossstadtlebens beeindruckend.

  • Sohn: Schüler, 2000
  • Vater: Geschäftsführer
  • 1964 Jahr der Szene: 2014

Der Handlanger

Seit Generationen wird das Haus meiner Eltern von der Familie meines Vaters bewohnt. Mein Vater arbeitet gerne in Haus und Garten. Handwerklich gibt es immer etwas zu tun, und ich darf sein Handlanger (Hilfsarbeiter) sein. Oft muss ich dabei etwas holen, weil mein Vater erst während der Arbeit merkt, was noch fehlt. Wir arbeiten im Obergeschoss des Hauses an der Verschalung einer Wand mit Profilholz (täfern). Wie so oft sagt der Vater: „Oh, ich habe etwas vergessen, kannst du dies in der Werkstatt im Keller holen?“ Durch das immer wieder Mithelfen habe ich inzwischen so viel gelernt, dass ich bereits daran gedacht habe und das scheinbar Vergessene dabei habe… So habe ich durch meinen Vater mein Talent für handwerkliche Berufe und den Sinn einer optimalen Arbeitsvorbereitung entdeckt. Das hat mich geprägt.

  • Vater: 1934, Sekundarschullehrer und Handwerker
  • Sohn: 1965, Berufschullehrer und Handwerker
  • Jahr der Szene: 1978
  • Aufgezeichnet von Jens van Harten

Fahrt im hellblauen Deux Chevaux

Weil ich mein Schlüsselbein gebrochen hatte, durfte ich allein mit meinem Vater in unserem hellblauen Deux Cheveaux nach Hause fahren. Es war das Ende der Sommerferien. Wir fuhren von unserem Ferienhaus im Zürcher Oberland nach Heidelberg. Dort wohnten wir. Da wir fünf Kinder waren, habe ich dieses seltene Solo noch lebhaft in Erinnerung. Mein Vater war viel lustiger und entspannter als sonst. Als wir hungrig wurden, packte ich aus dem Lebensmittelsack einen grossen dänischen Käse, der aussah wie ein Blumentopf und in einer roten Wachspackung steckte. Ich schälte den Käse aus dem Wachs und mein Vater biss sofort lustvoll ein grosses Stück ab. Abwechslungsweise und mit grossem Appetit assen wir den ganzen Mocken Käse auf.

  • Tochter: 1966, Schauspielerin
  • Vater: 1934, Theologieprofessor
  • Jahr der Szene: 1978