Geschichtenarchiv

Männersache

Waltensburg im Bündner Oberland. Jeden Sommer durfte ich mit meinem Vater und meinem drei Jahre älteren Bruder eine Nacht im Maiensäss verbringen. Einfeuern, Büchsen-Ravioli kochen, den Sternenhimmel beobachten, und am nächsten Tag auf der Alp herumklettern, bis wir mit verkratzten Armen und Beinen zurückkamen. Gemeinsam staunten wir über die Wunder der Natur, ohne viele Worte. Vor zwei Jahren ist mein Vater überraschend verstorben. Oft denke ich an diese Stunden voller Abenteuer zurück.

  • Sohn: 1988, Jugendseelsorger
  • Vater: 1953: Maschinenschlosser
  • Jahre der Szene: 1995-2000

Fangis mit Grospi

„Grospi, du bist Fänger“, haben wir jeweils gesagt, wenn wir Grosskinder – fünf an der Zahl – dienstags bei unseren Grosseltern sein durften. Und sind in der grossen Wohnküche in alle Richtungen davongerannt, möglichst ohne uns in den Sackgassen der Wohnung zu verrennen. Zum Ärger unserer Grossmutter, die wir von ihrer Arbeit abgehalten haben. Jahrelang spielten wir Fangis. Bis uns Grospi eines Tages nicht mehr nachkam. Seither zeigt er uns Fotoalben und schwärmt von früheren Zeiten.

  • Enkelin: 2007, Schülerin
  • Grossvater: 1943, Maschinenschlosser
  • Jahre der Szene: 1998-2001

Baba, unser Butler

Nach dem Abendessen sitzen wir in der Stube, alle fünf Kinder sind mit Spielen oder Hausaufgaben beschäftigt. Bis früher oder später der fast schon obligate Satz fällt: „Baba, machst du mir noch eine warme Milch?“ Unser Vater nimmt die Bestellung auf und serviert uns die gewünschten Getränke. Eine zeitlose Szene, die auch heute noch Gültigkeit hat, wenn wir als Erwachsene nach Hause kommen. Eine Erinnerung mit Symbolcharakter: Mein Vater hatte immer Zeit für uns, war immer für uns da, wenn wir ihn brauchten. Immer kamen wir an erster Stelle, sein ganzes Leben war auf uns ausgerichtet.

  • Sohn: 1991, Biotechnologe
  • Vater: 1957, Sachbearbeiter
  • Jahre der Szene: seit 2000

Vaters Schminkkoffer

Bis vor kurzem stand der Koffer aus hellem Holz im Keller. Jetzt steht er vor mir auf dem Tisch, übersät mit bunten Schrammen, tiefen Furchen und manch einer Erinnerung. Das war der Schminkkoffer meines Vaters, der die Schauspieler*innen sämtlicher Dorftheater in der Umgebung von Egerkingen schminkte. Oft durfte ich ihn begleiten und beobachten, wie er auch Dinge auf die Bühne schmuggelte, die dort eigentlich nichts zu suchen hatten. Bei einer Dernière beispielsweise schmuggelte mein Vater eine tote Maus in die Handtasche einer Schauspielerin…

  • Sohn: 1957, Theatermann
  • Vater: 1920-1973, Coiffeur
  • Jahr der Szene: 1965

Vermisst-Meldung

Am meisten vermisse ich sein Lachen. Zum letzten Mal habe ich sein Lachen vor eineinhalb Jahren gehört. Kurz bevor er ein halbes Jahr lang im Spital lag und ein paar Monate später verstarb. Nie werde ich vergessen, wie er in der Stube auf seinem Kanapee sitzt, beim Lachen den Kopf an der Wand anschlägt, dann noch mehr lachen muss, bis die Tränen kommen und seine „Birne“ immer roter wird.

  • Enkel: 2006, Schüler
  • Grossvater: 1943-2019
  • Jahre der Szene: 2009-2019

Von Pannen und Pleiten

Immer wieder stellen mir meine Kinder die gleiche Frage: „Was ist dir in deinem Leben Blödes passiert?“ Was mich eines Tages dazu veranlasste, eine Liste zu beginnen: Als ich in einer fensterlosen, spanischen Toilette festsass; ungewollt zum Uhren-Dieb wurde; einen Vortrag mit einem Lachkrampf begann; ins falsche Hotelzimmer geriet und im Bett eines Chinesen landete; mit Handschellen abgeführt wurde; zu einem Bewerbungsgespräch rannte und trotzdem gnadenlos zu spät kam; den Vorwärts- mit dem Rückwärts-Gang verwechselte und meine Oma auf dem Rücksitz den Abhang hinunter fuhr, bis ein Gartenzaun die Fahrt stoppte etc.

  • Vater: 1965, Freiberufler
  • Töchter: 2007/2009, Fragenstellerinnen
  • Jahr der Szenen: 2017-2019