Geschichtenarchiv

Quarantäne-erprobt

Im Corona-Abstand von rund zwei Metern sitzen wir uns auf dem Garten-Sitzplatz gegenüber, nachdem die Einkaufstüten in der Küche deponiert sind. Pa sagt, er sei Quarantäne-erprobt. Im Einsiedler Internat seien sie hinter den Klostermauern von der Aussenwelt fast vollständig abgeschottet gewesen. Keine Zeitung, kein Radio, Fernsehen gab es noch nicht – eine frühe Quarantäne-Erfahrung. Dementsprechend wohl fühlt er sich in dieser Ausnahmesituation. Um 7 Uhr steht er auf, macht seine Rückenübungen, dann gönnt er sich ein opulentes, zweistündiges Frühstück mit ausgedehntem Zeitunglesen. Von 10 bis 17 Uhr sitzt er an seinem Schreibtisch, einzig unterbrochen von einer Suppe oder Obst. Gegen 17 Uhr besucht er seine Lebenspartnerin zu Fuss in drei Funktionen: als Zubringer, Kostgänger und Spitex-Ersatz. Wieder zuhause beginnt um 19 Uhr 30 die Tagesschau, die er seit ein paar Wochen im ehemaligen Kohlenkeller schaut, während er auf dem Hometrainer dreieinhalb Kilometer abspult. Nach einem Abend mit Musik, Literatur oder TV neigt sich zwischen 23 und 24 Uhr ein langer Tag dem Ende entgegen.

  • Vater: 1935, Autor
  • Sohn: 1965, Einkaufs-Assistent
  • Jahr der Szene: 2020

Zeit für eigene Ideen

Tag 15 der ausserordentlichen Lage. Es ist kurz nach 22 Uhr, als ich im Kinderzimmer Licht entdecke. M. (10) ist nochmals aufgestanden, weil ihr eine Idee für ihre Geschichte „Ronja Kronenberg“ eingefallen ist. Wenig später sitzt sie an meinem Bettrand und liest mir das erste Kapitel vor. „Kannst du mich morgen eine halbe Stunde früher wecken, damit ich weiterschreiben kann?“, fragt sie mich strahlend, bevor sie wieder in ihr Zimmer huscht. Was für Energien die Coronakrise bei Kindern freisetzen kann.

  • Vater: 1965, Zuhörer
  • Töchter: 2009, Geschichtenschreiberin
  • Jahr der Szene: 2020

Lockdown in der Agenda

Und plötzlich ist jeder Tag auch ein Vatertag. Das Sturmtief „Corona“ hat alle Termine weggefegt, auf einen Schlag war die Agenda leer – die unverhoffte Gelegenheit, eine ganz neue, familienfreundliche Tagesstruktur aufzubauen. So starten wir neuerdings mit Literatur in den Tag, die wir beim gemeinsamen Frühstück austauschen: „Gregs Tagebuch“ oder „Die Schule der magischen Tiere“. Eine wunderbare Weiterbildung in angesagter Kinderliteratur.

  • Vater: 1965, Homeworker
  • Töchter: 2007/2009, Homeschooler
  • Jahr der Szene: 2020

 

Vrenelis Gärtli

Ferientage auf dem Urnerboden. Am Abend geht die Sonne unter, wirft ein letztes Licht auf den Fisetengrat. „Dafür hatten sie wieder Geld “, kommentiert mein Vater in seiner unverwechselbaren Art das Naturspektakel. „Was hat er jetzt wieder gemeint“, frage ich mich. Immer wieder bringt er uns mit seinem Schalk zum Nachdenken. Blicke ich heute auf die Glarner Alpen, wenn nur noch „Vrenelis Gärtli“ beleuchtet ist, denke ich immer an ihn.

  • Tochter: 1972, Verkäuferin
  • Vater: 1931-2014, Schreiner
  • Jahre der Szene: Mitte 80er-Jahre

Männersache

Waltensburg im Bündner Oberland. Jeden Sommer durfte ich mit meinem Vater und meinem drei Jahre älteren Bruder eine Nacht im Maiensäss verbringen. Einfeuern, Büchsen-Ravioli kochen, den Sternenhimmel beobachten, und am nächsten Tag auf der Alp herumklettern, bis wir mit verkratzten Armen und Beinen zurückkamen. Gemeinsam staunten wir über die Wunder der Natur, ohne viele Worte. Vor zwei Jahren ist mein Vater überraschend verstorben. Oft denke ich an diese Stunden voller Abenteuer zurück.

  • Sohn: 1988, Jugendseelsorger
  • Vater: 1953: Maschinenschlosser
  • Jahre der Szene: 1995-2000

Fangis mit Grospi

„Grospi, du bist Fänger“, haben wir jeweils gesagt, wenn wir Grosskinder – fünf an der Zahl – dienstags bei unseren Grosseltern sein durften. Und sind in der grossen Wohnküche in alle Richtungen davongerannt, möglichst ohne uns in den Sackgassen der Wohnung zu verrennen. Zum Ärger unserer Grossmutter, die wir von ihrer Arbeit abgehalten haben. Jahrelang spielten wir Fangis. Bis uns Grospi eines Tages nicht mehr nachkam. Seither zeigt er uns Fotoalben und schwärmt von früheren Zeiten.

  • Enkelin: 2007, Schülerin
  • Grossvater: 1943, Maschinenschlosser
  • Jahre der Szene: 1998-2001