Geschichtenarchiv

Ein Mann, der gerne putzt

Unsere jüngste Tochter (18jährig) ging heute später aus dem Haus, und hat deshalb grad noch miterlebt, wie ich am Putzen war. Freitag ist normalerweise mein Tag, an dem ich zu Hause bin und u.a. das Haus putze, was ich gerne mache. „Ich muss mir auch mal einen Mann zutun, der gerne putzt“, sagte meine Tochter. Ich schmunzelte und meinte: „Ja, mach das, aber schau, dass du nicht gerade mit dieser Frage einsteigst…“

  • Vater: 1967, Theologe, Gewaltberater und Hausmann
  • Tochter: 2001, Praktikantin in der Jugendarbeit und Lehrerin für Asylant*innen
  • Jahr der Szene: 2020

 

Servietten-Bescherung

Adventszeit. Wenn alle in Stress und Hektik verfallen, machte mein „Dad“ das pure Gegenteil: Er nahm sich eine Woche Ferien, um für seine vier Söhne ein eigenes Spiel zu erfinden. Am Weihnachtsabend sassen wir dann auf seinen zwei schwarzen Sofas, teilten uns in zwei Brüder-Teams auf und wetteiferten im Film-Rate-Quiz um Punkte. Nach einem ausgeklügelten Verfahren durften wir je nach Punktestand Geschenke aufdecken, die zwischen den beiden Sofas auf dem Boden unter Servietten versteckt waren. Ein absolutes Highlight und ein maximaler Kontrast zu „Schlauch-Weihnachten“. Seit zwei Jahren sind wir nun zu Brettspiel-Weihnachten übergangen, Fondue Chinoise inklusive. Nochmals eine Steigerung. Vaters Leidenschaft für strategische Spiele ist längst auf seine Söhne übergegangen.

  • Sohn: 1990, Unternehmensentwickler
  • Vater: 1964, Manager, Spielernatur
  • Jahr der Szene: seit 2014

 

Frisch geladene Batterien

„Popi, zugfahre, zugfahre“, begrüsst mich meine zweieinhalb Jahre alte Enkelin strahlend, wenn ich donnerstags vor der Türe stehe, um ihr einen Besuch abzustatten. Wenig später sitzen wir im Zug oder im Postauto, ohne festes Ziel vor Augen. Wir singen „Auf der schwäbsche Eisebahne“ und geniessen die Aussicht, bis meine Enkelin die Thur entdeckt und fragt, ob man da baden könne. Bei der nächsten Station steigen wir spontan aus und suchen uns einen Weg an die Thur. Das ist es, was ich so geniesse: Einfach da sein für das, was sich entwickelt. Ohne zu wissen, wo wir gemeinsam landen. Mit frisch geladenen Batterien komme ich abends nach Hause.

  • Grossvater: 1950, Swissair-Pilot a.D., 9-facher Grossvater
  • Enkelin: 2017, leidenschaftliche Zugfahrerin
  • Jahr der Szene: 2019

 

Chatten zur Unzeit

14 Uhr 05. Bling. Ein Klangsignal macht mich darauf aufmerksam, dass auf MS-Teams eine Chatmeldung eingetroffen ist. Die Absenderin: meine 10-jährige Tochter M., die sich in der Schule offensichtlich langweilt. „Darf man während dem Unterricht mit dem Vater chatten“, frage ich. „Nein, aber egal“, antwortet sie keck. Ich finde Gefallen am Chatten, bekomme aber keine Antwort mehr. Was ich nicht weiss: Dass M. inzwischen im Klassenkreis sitzt, während es an ihrem Computer jedesmal blingelt, wenn ich eine Meldung losschicke…

  • Vater: 1965, digital immigrant
  • Tochter: 2009, digital native
  • Jahr der Szene: 2020

Dem Ende nahe

Mein Vater war dement und lebte im Altersheim. Nach einem Sturz konnte er zuletzt das Bett nicht mehr verlassen. Ich war in dieser Zeit oft bei ihm und brachte ihm manchmal die von ihm so geliebten Schoggistängeli mit. Ohne dass wir viel gesprochen hätten, entstand in den letzten Tagen vor dem Tod eine unglaubliche Nähe und Verbundenheit zwischen uns, ein grundsätzliches Einverständnis, welches mir immer in Erinnerung bleiben wird.

  • Tochter: 1957, Psychologin
  • Vater: 1930, Lehrer
  • Jahre der Szene: 2016

Schwitzbad

Allzu oft sahen wir unseren Vater nicht, er hatte viel gearbeitet. Aber immer, wenn ich krank war, steckte er mich in die Badewanne, goss laufend heisses Wasser nach, bis ich glühte. Danach trocknete er mich ab, wickelte mich in ein Badetuch und steckte mich damit direkt ins Bett. Immer wieder schaute er nach mir, brachte Tee ans Bett und fragte, wie es mir gehe. In diesen Momenten spürte ich seine Liebe und Zuneigung besonders deutlich.

  • Tochter: 1965, Kindergärtnerin
  • Vater: 1929, Geometer, Ingenieur
  • Jahre der Szene: Ende 60er-Jahre