Geschichtenarchiv

Begeisterte Kinderaugen

Mit meinem Papa stehe ich an den Eisenbahngleisen. Gemeinsam beobachten wir, wie die Dampflokomotive langsam näher donnert. Sie erinnert mich an ein schwarzes Ungetüm, das alles verschlingt, was ihr im Wege steht. Schon von weitem macht die dunkle Dampfwolke auf sich aufmerksam. Ich werfe meinem Papa einen kurzen Blick zu. Aufmerksam verfolgt er die Bewegungen des Zuges, der sich durch die Landschaft auf uns zubewegt und dessen Getöse immer lauter wird. Als der Modelleisenbahnzug mit lautem Pfeifen an uns vorbeirattert, strahlen die Augen des grossen Mannes neben mir wie begeisterte Kinderaugen an Weihnachten!

  • Tochter: 1992, Studentin
  • Vater: 1956, Polymechaniker
  • Jahr der Szene: 2008

Spiel mit dem Feuer

Unsere Badewanne stand im Keller, eine emaillierte Zink-Badewanne auf vier Füssen. Da es hier kein fliessend warmes Wasser gab, musste zuerst Feuer entfacht und das Wasser im Waschtrog erhitzt werden, bevor mein Vater den Schlauch ansaugte und das heisse Wasser in die Wanne übergleiten und mit kaltem vermischen liess. Während der ganzen Prozedur durfte ich dabei sein. Ich sass auf einer Holzkiste, die mit einer Decke bezogen war, spielte mit dem glühenden Schürhaken im Feuer und experimentierte mit Brandzeichen. Mein Vater hatte mir von klein auf zugetraut, mit dem Feuer umgehen zu können.

  • Sohn: 1969, Ergotherapeut.
  • Vater: 1940, Arzt.
  • Jahre der Szene: 1972-1977

Fixpunkt in meinem Leben

Wenn ich abends nach Hause komme, sitzt mein Vater im dunkelgrauen Biedermeier-Sessel vor dem Kamin, zieht an einer selbst gedrehten, filterlosen Zigarette der Marke Drum und verbreitet Ruhe und Gelassenheit: ein wohltuender Fixpunkt in meinem Leben. Ich setze mich dazu, kann – muss aber nicht – reden. Ich kenne niemanden, der so aufmerksam zuhören und mich durch sein Nachfragen auf eine neue Ebene bringen kann. Inzwischen ist mein Vater zu einem meiner wichtigsten Gesprächspartner geworden, der immer für mich da ist, wenn ich ihn brauche.

  • Tochter: Studentin, 1992
  • Vater: Familientherapeut, 1956
  • Jahre der Szene: 2002-2014

Ein Wunsch geht in Erfüllung

Nach langem Betteln kam mein Vater an einem Samstagnachmittag mit mir zum Reiten. Gemeinsam mit meinem Reitlehrer und einigen Reitschülern ritten wir aus. Mein Vater ritt ganz vorne neben meinem Reitlehrer. Ich war weiter hinten in der Reihe und so konnte ich ihn gut beobachten. Er machte es sehr gut. Ich war aber nicht wirklich überrascht, da ich wusste, dass er ein guter Reiter ist. Ich freute mich einfach riesig, dass mein Vater endlich mal mit mir reiten war und wir wieder einmal etwas gemeinsam unternommen hatten.

  • Tochter: 1988
  • Vater: 1947
  • Jahr der Szene: 2004

Vaters Moped im Gemüsebeet

Als ich etwa 12 Jahre alt war, hatten wir noch das alte Moped meines Vaters zu Hause. Ich durfte es aber noch nicht fahren, da ich noch nicht alt genug war. In einem unbeobachteten Moment schnappte ich mir das Moped und wollte einige Runden auf unserem Rasen drehen. Anfangs ging es ganz gut, doch irgendwie blieb das Gas hängen, und ich fuhr einfach geradeaus weiter, direkt über die Gemüsebeete unserer Nachbarn. Als ich dann vom Moped runter fiel, rannte ich einfach weg und liess es mit laufendem Motor im Gemüsebeet liegen. Mein Vater bekam meine Dummheit natürlich mit und musste das Moped aus dem Nachbarsgarten holen und wieder nach Hause bringen. Er war ziemlich wütend, dass ich sein altes Moped so unachtsam behandelt hatte.

  • Tochter (1991)
  • Vater (1961)
  • Jahr der Szene: 2003

Kurzurlaub

Mein Vater legte die Arme um den Hals seines jüngsten Bruders. Onkel R. beugte sich vor und stieg – meinen Vater auf dem Rücken – die Treppe hoch zu unserer Wohnung. Es war Weihnachten. Mein Vater kehrte aus dem Pflegeheim, wo er mit Abstand der Jüngste war, zu uns nach Hause zurück. Für vier Tage.

  • Sohn: 1956, Jurist
  • Vater: 1937, Sanitärinstallateur
  • Jahr der Szene: 1971