Geschichtenarchiv

Biegen und Brechen

«Mi spezzo, ma non mi piego», hat er immer gesagt. Brechen könne er, sich verbiegen aber nicht. Mein Vater war Schuhmacher, ein stolzer Mann. Bis zu meiner späten Jugend wohnte ich mit ihm, meiner Mutter und meinen drei Geschwistern in einem kleinen Ort in Sizilien. Rieche ich heute Leim, erinnere ich mich an seine Werkstatt. Ich mag den Duft. Es ist der Duft meiner Kindheit. Trete ich heute in eine Werkstatt ein, erinnere ich mich an seine Geschichten. Jene Geschichten, die er erzählte, während er wartete, bis der Leim trocken war. Sich treu zu bleiben, sei das Wichtigste, pflegte er zu sagen. Vor neun, zehn Jahren wurde ich pensioniert. Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Meine Frau, eine Schweizerin, hat mich verlassen. Nicht alles war schön in meinem Leben, verbogen aber habe ich mich nie.

  • Erzähler: Ein 74-jähriger Pensionär
  • Jahr der Szene: In den Fünfzigern

I ghören äs Glöggli

Diagnose Hirntumor. Plötzlich war mein Vater unheilbar krank. Ich war damals 24 Jahre alt und hatte zu meinem Vater keinen besonders guten Kontakt. Als er mich kurz nach seiner Diagnose fragte, ob ich mit ihm in die Ferien fahren wolle, gab ich mir einen Ruck. Gemeinsam fuhren wir mit einem VW-Camper durch Norditalien. Wir stritten oder schwiegen uns an. Nicht so aber in jener Sommernacht. Wir hatten uns gerade hingelegt, als mein Vater plötzlich zu singen begann: I ghören äs Glöggli. I ghören äs Glöggli, das lütet so nätt. Stundenlang haben wir gelacht.

  • Erzähler: Ein 35-Jähiger über sein Verhältnis zu seinem Vater.
  • Jahr der Szene: 2003.

Barry White und Lion King

Musik macht ihn aus, meinen Vater. Er spielt Klavier und Akkordeon, exotische Instrumente wie ein ausgehöhlter und mit Wasser gefüllter Kürbis. Er liebt Dissonanzen und Soul. Früher musizierten wir oft zusammen: Er war am Klavier, meine Mutter hat gesungen und ich getanzt. Nur für mich eignete er sich ein ganzes Repertoire von Disneyliedern an. Als er dieselben Lieder vor kurzem an einem Familienfest spielte, musste ich weinen – vor lauter Rührung, tiefer Verbundenheit und der Freude darüber, so viel mit meinem Vater teilen zu können.

  • Tochter: Fachfrau Betreuung Kind, 1990
  • Vater: Bildungsbeauftragter für Gesundheitsberufe, 1957
  • Jahr der Szene: 2014

Finger-Tanz

Meine Lehrerin wünschte sich, dass ich Pianist werde. Ich entschied mich aber, das Klavierspielen als leidenschaftliches Hobby zu behalten. Während dem Klavierspielen sass mein Sohn (3) regelmässig auf meinen Knien und wünschte sich den „Appenzellertanz“. Langsam wurde er immer schwerer, bis er irgendwann einschlief. Für mich ein starker Moment in unserer Beziehung. (Später sagte er mir einmal, dass er dieses Stück so liebte, weil aus seiner Perspektive die Finger tanzten.)

  • Vater: 1957, Hobbymusiker
  • Sohn: 1992, Student
  • Jahr der Szene: 1995

Die Verlockung

Mein Grossvater führt mich in seine Stube, wo er mir seine Süssigkeiten-Box zeigt und zu mir sagt: „Du darfst dir genau fünf verschiedene Süssigkeiten aussuchen und diese mit auf den Heimweg nehmen.“ Begeistert von der riesigen Süssigkeiten-Box schnappe ich mir meine fünf Lieblingsbonbons. Die Süssigkeiten locken mich jedoch so sehr, dass ich noch einige mehr in meiner Hosentasche verschwinden lasse. Mein Grossvater – ein guter Beobachter – zwinkert mir zu.

  • Erzählerin: 1989
  • Grossvater: 1934
  • Jahr der Szene: 1995

Intuitives Verständnis

Als ich 15 Jahre alt war, wollte ich Säuglingsschwester werden. Für die Aufnahmeprüfungen musste ich mit dem Zug von Grenchen nach Basel reisen und von dort mit dem Tram weiter. Ob mit der Reise alles gut gehen würde, beschäftigte mich fast so sehr wie das Bestehen der Prüfungen.   An besagtem Tag bot mir mein Vater spontan an, mich zum Bahnhof zu fahren, wo er zu meiner grossen Verblüffung ein Billet nach Basel aus der Tasche zückte. Ich konnte es kaum glauben, dass er seine Schicht extra für mich abgetauscht hatte! Auf der Fahrt nach Basel platzierte ich meine Sorgen und Ängste, mein Vater stellte mir gezielte Fragen, hörte mir zu. In Basel begleitete er mich zum Prüfungsgebäude, ging während meiner Prüfungen spazieren und erwartete mich dann wieder vor dem Gebäude.   Später, als ich selbst Mutter wurde, wurden dieses intuitive Verständnis, dieser Rückhalt und die Sicherheit, die ich von meinem Vater erfahren durfte, zu den zentralen Grundwerten in der Erziehung meiner drei Kinder. Bis heute erinnere ich mich gerührt zurück an dieses Erlebnis, als mein Vater meine Nervosität wahrnahm und linderte, ohne dass ich darum gebeten hätte.

  • Vater: Koch, 1941
  • Tochter: Fachfrau Betreuung, 1963
  • Jahr der Szene: 1978