Geschichtenarchiv

Giuseppes Morgenritual

Grade eben habe ich meinen Vater auf den Zug gebracht. Er beginnt jetzt wieder ein bisschen das Leben zu geniessen – jetzt, drei Jahre nach dem Tod meiner Mutter, seiner Giuseppa. Er war es, der für mich eine Art Morgenritual pflegte, das unauslöschlich in meiner Erinnerung eingeprägt ist. Wenn ich aufwachte, roch es bereits köstlich nach Kaffee, den stets er zubereitete. Er fütterte unsere Katze, die in laufender Folge immer Susi hiess, und auch er war es, der zu den Kanarienvögeln schaute, bevor er aus dem Haus ging.

  • Sohn: 1980
  • Vater: 1940
  • Jahre der Szene: 1990 bis 2005

Glück im Sägemehl

Mit 75 ist er noch immer oft am Sägen, Hobeln, Zusammenfügen. Nur der Sonntag war ihm absolut heilig, da nahm er kein Werkzeug zur Hand. Neben der Hauptarbeit hatte mein Vater sich in der Garage eine Schreinerwerkstatt eingerichtet. Seit ich denken kann, tummelte ich mich als Knirps bei ihm. Ein Paradies für mich und meine drei Brüder. Auch wenn es immer wieder mal zu Blessuren kam. Nicht nur einmal musste ich beim Arzt eine Stich-, Platz- oder Schnittwunde nähen, die ich mir im Übereifer beigefügt hatte. Es war wunderschön.

  • Sohn: 1979
  • Vater: 1939, Schreiner
  • Jahre der Szene: 1982/90

Rollentausch

In den Ferien verwandelte sich mein Vater zuweilen komplett: Er wusste nichts, konnte nichts und war unsäglich tollpatschig. Beim Wandern mussten meine Schwester und ich schauen, dass er nicht vom Weg abkommt, ihm die Namen aller Tiere beibringen und uns einfach ganz allgemein darum kümmern, dass er nicht verloren geht oder den Berg hinunterstürzt. So konnten wir uns nützlich machen, für einmal waren wir die Starken, Gescheiten, Besorgten. Die Zeit auf langen Wanderungen verflog im Nu.

  • Vater: Sekundarlehrer, 1940
  • Tochter: Mitarbeiterin thkt familienservice, 1971
  • Jahr der Szene: 1980

Barmherzig

In einem Lebensmittelgeschäft habe ich Süssigkeiten gestohlen. Mutter schimpfte mit mir. Auf die Reaktion des Vaters habe ich mich vorbereitet, indem ich meinen Po mit einem Kissen polsterte. Doch es kam anders. Vater ging mit mir Haselnüsse sammeln und sagte nur: „Der himmlische Vater ist barmherzig. Ich liebe Dich trotzdem.“

  • Tochter: 1954, Pflegefachfrau und Hausfrau
  • Vater: 1925, Lastwagen-Chauffeur
  • Jahr der Szene: 1965

Elterngespräch

Dass mich mein Vater bedingungslos unterstützen würde, wurde mir erstmals anlässlich eines Elterngesprächs in der fünften Klasse bewusst. Ich hatte eine angespannte Beziehung zu meiner damaligen Lehrerin. Als sie ein Elterngespräch verlangte, hatte ich Angst, dass sich meine Eltern auf ihre Seite schlagen würden, obwohl meiner Meinung nach nicht ich das Problem war. Das Gespräch eröffnete sie mit der Frage, weshalb ich mich denn so störend verhalte. Sofort schaltete sich mein Vater ein: Das könne doch nicht sein, dass ich mich gleich zu Beginn verteidigen müsse. Zuhause mahnten mich meine Eltern dann, mein Verhalten etwas anzupassen. Das schnelle Einschalten meines Vaters zeigte mir aber, dass ich nicht auf mich allein gestellt sein würde – weder in diesem Elterngespräch noch in meinem ganzen Leben.

  • Vater: Berufsschullehrer, 1959
  • Sohn: Student, 1994
  • Jahr der Szene: 2005

Echo-Rufe auf dem Berggipfel

Erinnerungen an die vielen Bergtouren mit meinem Vater: Frühmorgens um 4 Uhr aufstehen; pfeifend oder singend der Sonne entgegenwandern; deine vergnügten zielsicheren Schritte in rotgestrickten Wollsocken; deine warme, geborgene Hand bei schwierigen Gratwegen; das Benetzen der Ohrläppli an einem Brunnen oder einem Bächlein; dein hochgekrempeltes, kariertes Hemd; das Echo deiner Jauchzer-Rufe auf dem Berggipfel; das Beobachten der Vögel und Steinböcke durch den Feldstecher; das Geniessen eines saftigen Wassermelonenschnitzes; dein herzhaftes Lachen beim gemeinsamen Schneegletscher-Rutschen; das Einkehren in einer Alphütte zur Gerstensuppe nach einem starken Regenguss; die erfüllte Rückkehr mit müden Füssen und froher Seele und abends dann die wunderbaren Klänge deiner Zigeunergeige.

  • Tochter: 1965, Kindergärtnerin
  • Vater: 1935, Alpinist
  • Jahre der Szene: 1973-1977