Geschichtenarchiv

Vaters Geldbörse

Hinten in seiner Hosentasche steckte diese extrem dünne Geldbörse, die mich schon als Kind ärgerte. Ich war sicher, dass er sich jede Diskussion ersparen wollte, indem er kein Geld in seiner Brieftasche herumtrug. Immer wenn ich einen Wunsch äußerte, der mit Kosten verbunden war, zog er sie zögerlich aus der Hosentasche und zeigte mir bedauernd den einsamen 20-Schilling-Schein darin. Ich lernte, nicht mehr zu fragen. Ich lernte zu sparen, ein Experiment, das nicht das gewünschte Ergebnis brachte. Bis ich mir den einen Wunsch erspart hatte, hatten sich schon drei, vier neue Wünsche angesammelt – ein ewiges Zu-spät-Kommen. Die Brieftasche habe ich nach dem Tod meines Vaters an mich genommen, um sie für einige Jahre gefüllt mit Scheinen herumliegen zu lassen. Aus therapeutischen Gründen.

  • Tochter: 1967, Schriftstellerin und Projektmanagerin
  • Vater: 1933, Filialleiter eines internationalen Konzerns in der Zahnprothesenherstellung
  • Jahr der Szene: 1970 bis 1980

Schweiss und Schminke

„Majestät, die Jagd ist bereit“, lautet es aus dem Badezimmer, wenn mein Vater aus der Dusche steigt und vor dem Spiegel die Resten seiner verbliebenen Haare büschelt. Und in Bühnen-Lautstärke immer wieder den einen und einzigen Satz probt, den er in der Operette „Im Weissen Rössl“ als Statist sprechen darf. Mir kommt dies alles leicht übertrieben vor. Und trotzdem bin ich meinem Vater bis heute für die Penetranz dieses einen Satzes dankbar. Als ich ihn nämlich eines Tages hinter die Bühne begleiten, in den Gängen Schweiss und Schminke einatmen und in den Bühnenhimmel voller Kulissen gucken darf, weiss ich: „Das will ich auch.“ Ein Traum ist geboren.

  • Tochter: 1969, Schauspielerin und Hoteldirektorin
  • Vater: 1930, ehemaliger Kaufmann
  • Jahr der Szene: 1979

Weihnachts-Beleuchtung

Mein Vater arbeitete als Verkäufer für die damals traditionsreiche Arboner Lastwagenfirma. Er war viel mit dem Auto unterwegs zu seinen Kunden, vom Rheinfall bis ins Unterengadin. So kam es oft vor, dass mein Vater spät nach Hause kam und wieder sehr früh zur Arbeit musste. Meine sechs Geschwister und ich sahen deshalb unseren Vater unter der Woche nur selten. Wenn er es in der Adventszeit schaffte, etwas früher nach Hause zu kommen, belagerte ich ihn, bis er – gegen den Willen meiner Mutter – zusammen mit mir in die Stadt fuhr, um die Weihnachts-Beleuchtung zu bestaunen. Wir schlenderten durch die Gassen und erzählten einander von den Ereignissen des Tages.

Vater: 1924, Lastwagenverkäufer
Sohn: 1965, Dozent
Jahr der Szene: 1973

Socken-Lockerer

Frisch gewaschene Socken haben die schlechte Angewohnheit, sich während dem Trocknen am Wäscheständer zu versteifen – ganz zum Missfallen meiner jüngeren Tochter (8). Was dazu führte, dass mich M. jeden Morgen darum bittet, mit meinen etwas grösseren Händen durch ihre Socken zu fahren und sie dadurch aufzuweichen. So kam es, dass ich zu ihrem ganz persönlichen Socken-Lockerer wurde. Was mir eine ganz besondere Ehre ist.

  • Vater: 1965, Geschichtenfänger
  • Tochter: 2009, Wirbelwind
  • Jahr der Szene: 2017

Indianerbrot

Es ist dunkel und still in unserem Haus. Alle schlafen. Mein Vater kommt zu mir ins Zimmer und weckt mich. Eine verschworene Stimmung. Unser Morgenritual beginnt: Mein Vater nimmt die Handmühle in die Hand. Er dreht an der Kurbel und malt das Korn. Manchmal darf auch ich. Das Mehl mischen wir mit Wasser und formen daraus eine Kugel. In der Bratpfanne drücken wir den Teig flach. Da ist es, das Indianerbrot. Mit Butter und Honig. Unser Frühstück.

  • Sohn: 1977, Pfarrer
  • Vater: 1948, Musiker und Gymnasiallehrer
  • Jahr der Szene: 1990-1993
  • Aufgezeichnet von Philippe Häni

Liebeserklärung auf Facebook

„Fatih, babacik seni cok seviyor.“ („Fatih, Papalein liebt dich sehr“) Völlig unerwartet lese ich auf Facebook den Post meines Vaters, der mich extrem berührt. Das Medium hingegen, das er für diese Nachricht gewählt hat, irritiert mich komplett, solche öffentliche Bekundungen sind mir peinlich. Mitten in der Nacht kann er seinem 40-jährigen Sohn schreiben: „Junge, geh schlafen.“ Es ist mir unangenehm, wenn er mir auf Facebook nachjagt. Mittlerweile ist mein Vater Facebook-süchtig. Und ich weiss nicht, was ich machen soll.

  • Sohn: 1978, Kulturvermittler
  • Vater: 1950, Pensionist, ehemaliger Hilfsarbeiter in der Textilindustrie
  • Jahr der Szene: 2017