Geschichtenarchiv

Nochmals von vorne

Mein Vater war ein ausgezeichneter Hobby-Fotograf, hin und wieder allerdings an der Grenze der Familienverträglichkeit. So erinnere ich mich an meine Firmung, als er den ganzen Nachmittag seiner Leidenschaft frönte und temperamentvoll in immer wieder neuen Konstellationen Regieanweisungen gab. Bis er gegen Ende des nervenaufreibenden Shootings feststellen musste, dass kein Film in der Kamera war und die ganze Sache nochmals von vorne losging. Die wichtigsten Szenen wurden nachgestellt, was die angespannte Stimmung in allgemeinem Gelächter auflösen liess.

  • Sohn: 1979, Bautechniker
  • Vater: 1939, Röntgentechniker
  • Jahr der Szene: 1989

Ohne Worte

Wie so oft sitze ich in meinem Kinderzimmer am Boden und spiele mit meinen Spielzeugautos. Da bemerke ich, wie mein Vater in der Tür steht, mich beobachtet, sich über mein kindliches Spiel freut. Ohne Worte spüre ich in diesem Moment, wie stolz er auf mich ist und wie grenzenlos seine Zuneigung. Das macht mich unendlich glücklich!

  • Sohn: 1972, Lehrer
  • Vater: 1946, Securitas
  • Jahr der Szene: 1978

Streicheleinheit

Mein Vater war zuhause wenig präsent. Den Blick übers Ganze hatte meine Mutter. Vater war der Ernährer. Auch ins Bett brachte uns immer die Mutter. Doch einmal kam er ganz unerwartet vorbei. Ich (12) war so überrascht, dass ich mich schlafend stellte. Er (50) blieb nicht lange, strich mir kurz aber liebevoll über den Kopf – ein tief emotionaler Moment. Als ich Mitte 20 war, erzählte ich ihm die Szene in einer lustigen Runde. Er erinnerte sich nicht mehr daran und konnte auch nicht richtig nachvollziehen, was diese Geste in mir ausgelöst hatte.

  • Sohn: 1980, Lehrer & Verwaltungsangestellter
  • Vater: 1942, Elektroingenieur
  • Jahr der Szene: 1992
  • Aufgezeichnet: Cornel Rimle

Sieben Jahre in Südafrika

Als zweites grosses und über zwei Jahre angespartes Reiseziel wollte ich den Spuren meines Vaters folgen, der sieben Jahre in Eshowe (Südafrika) lebte, einer kleinen Stadt in der Region von KwaZulu-Natal. Obwohl ich nie viel Bezug zu seiner Zeit dort hatte, wollte ich unbedingt an diesen Ort reisen. Es war ein sonderbares Gefühl, Fotos von Orten und Plätzen zu schiessen, die mein Vater seit über 40 Jahren nicht mehr gesehen hat. Unvergesslich bleibt das Treffen mit einer Person, die ihn noch von der damaligen Zeit kannte.

  • Jahr der Szene: 1999
  • Sohn: 1978, Lehrer
  • Vater: 1935, Theologe

Es ist wie Mathematik

Sonntags. Ohne Arbeitskleidung. Entspannen, ruhen, da-sein, Gemeinsamkeit… Feines Sonntagsessen am gedeckten Tisch in der Küche. Mittagsschlaf. Und Vorfreude.

Vater macht seinen Mittagsschlaf auf der Couch. Wir Kinder spielen. Wartend auf den Moment, bis er wieder aufwacht. Geht es uns zulange, sorgen wir dafür, dass er wach wird. Wir steigen auf ihn rauf, rammeln, bis er aufgibt, zum Buffet geht und endlich das Spiel herausnimmt. Zu viert setzen wir uns an den Tisch. Vater und einer von uns auf der Sitzbank. Die zwei anderen auf den Stühlen. Mutter macht nicht mit. Sie kann es nicht, und das ist auch gut so. Vater gehört in diesem Moment ganz uns.

Konzentration. Karten austeilen und spielen. Schieber. Meistens ich zusammen mit dem Vater gegen die Geschwister. Ich geniesse die Nähe und Wärme an diesen Sonntagen. Die Härte der Arbeitswoche ist fern. Ich lerne viel von ihm. Es ist wie Mathematik. Viel gesprochen wird nicht. Wenn, dann nur übers Spiel. Noch heute geniessen wir einen Jass zusammen. Konzentriert und ohne viele Worte.

  • Vater: 1933, Landwirt
  • Sohn: 1963, Sekundarlehrer- Spielpädagoge
  • Jahr der Szenen: 1973–1987 und immer wieder

 

Sieben an der Zahl

Täglich nach dem Frühstück zieht sich mein Vater in sein Studierzimmer zurück, um sich der Pflege seiner Tabakpfeifen zu widmen. Eine nach der anderen – sieben an der Zahl – nimmt er aus dem Pfeifenständer, wo sie seit dem Vorabend auskühlen. Heute wird er beim täglichen Ritual von zwei Enkelinnen beobachtet, die ihm aufmerksam über die Schultern schauen. Als erstes werden mit dem Pfeifenbesteck Aschenreste ausgeräumt, dann die Pfeifen auseinander geschraubt, die teerig-feuchten Filter entfernt, Pfeifenholm und Mundstück feinsäuberlich auf dem Schreibtisch aufgereiht, bevor die Rauchkanäle mit einem Pfeifenputzer aus saugfähigen Baumwollfasern gereinigt werden. Beim Ausbohren eines verengten Rauchkanals klemmt es plötzlich, so dass Pipa zur Freude der Enkelinnen eine Zange holen muss, um Holm und Bohrer wieder voneinander zu trennen.

  • Sohn: 1965, Nichtraucher
  • Vater: 1935, passionierter Pfeifenraucher
  • Enkelinnen: 2007/ 2009, Zaungäste
  • Jahr der Szene: 2018