Geschichtenarchiv

Vergessene Erinnerung

Als 27-jähriger Student lebe ich bei meinen Eltern, als mein fast 80-jähriger Vater krank wird und ins Spital muss. Innerhalb einer Woche stirbt er. Über die vielen Jahre schmerzt es mich, dass ich am Sterben meines Vaters nicht mehr Anteil genommen habe. Vater hatte nie viel Zeit für uns acht Kinder gehabt. Bin ich deshalb derart entfernt von ihm geblieben? Jetzt, über 40 Jahre nach Vaters Tod suche ich nach Wissen aus seiner Sterbenszeit. Dabei entdecke ich einen Zettel, auf dem ich meinem Vater Worte des Danks für seine Zuwendung und der Trauer wegen seiner Krankheit ins Spital geschickt habe. Ich lese nach langem wieder das Tagebuch, in das Vater für jedes der Kinder Episoden aus seinem Leben aufgeschrieben hat. Da war gegenseitige Anteilnahme und Nähe, verdeckt durch falsche Erinnerung.

  • Sohn: 1944, Professor der Theologie
  • Vater: 1894, Prediger
  • Jahr der Szene: 1972

Die Seilbahn

In den Walliser Bergen verbringen wir Familien-Ferien. Direkt neben unserem Ferienhaus baut mein Vater mit meinen zwei Brüdern und mir im Wald eine Seilbahn. Lange Schnüre um zwei Bäume herum, ein Tragseil und ein Transportseil. Aus Holz mit Heubällchen eine offene Gondel. Fertig ist die Transport-Seilbahn. Mein Vater baut sie mit uns, genauso wie er als Bauernsohn auch im Grossen damit gearbeitet hat. In mir lebt noch heute dieses Bild und das Glücksgefühl, mit ihm im Kontakt zu sein, transportiert über unser gemeinsames Bauwerk: die Seilbahn.

  • Sohn: 1975, Erlebnispädagoge und Ritualbegleiter
  • Vater: 1945, Krankenpfleger
  • Jahr der Szene: 1982

Ravioli-Linsen im Schrank

Samstagmittag. Ich bin zehn Jahre alt und sitze mit Bruder und Vater am Tisch in der kleinen Küche. Meine Mutter arbeitet an Samstagen jeweils auswärts, der Vater übernimmt Haushalt und Kochen – und hat Zeit für uns. Das Essen ist köstlich, noch heute sind mir der Geruch in der Nase und der Geschmack im Mund. Es sind Ravioli-Linsen, eine einmalige Spezialität, kreiert aus zwei Büchsen, die immer schon im Schrank stehen. Was für ein Auftakt für einen Tag, den wir gemeinsam mit Vater verbringen werden.

  • Sohn: 1964, Mediensprecher
  • Vater: 1937, Elektroniker
  • Jahr der Szene: 1975

Hand in Hand

Seit drei Tagen bekomme ich täglich Einrad-Unterricht. Meine Lehrerin (10) ist noch etwas kleiner als ich. Klein, aber oho! Sie gibt mir ihre rechte Hand, stützt mich beim Fahren und gibt mir immer wieder wertvolle Hinweise, wie es auch mit weniger Krafteinsatz gehen könnte… Gestern haben wir es geschafft, auf dem Campingplatz eine ganze Runde Hand in Hand zu fahren. Ein Meilenstein, der mich stolz und glücklich macht!

  • Vater: 1965, Einrad-Schüler
  • Tochter: 2007, Einrad-Lehrerin
  • Jahr der Szene: 2018

Nochmals von vorne

Mein Vater war ein ausgezeichneter Hobby-Fotograf, hin und wieder allerdings an der Grenze der Familienverträglichkeit. So erinnere ich mich an meine Firmung, als er den ganzen Nachmittag seiner Leidenschaft frönte und temperamentvoll in immer wieder neuen Konstellationen Regieanweisungen gab. Bis er gegen Ende des nervenaufreibenden Shootings feststellen musste, dass kein Film in der Kamera war und die ganze Sache nochmals von vorne losging. Die wichtigsten Szenen wurden nachgestellt, was die angespannte Stimmung in allgemeinem Gelächter auflösen liess.

  • Sohn: 1979, Bautechniker
  • Vater: 1939, Röntgentechniker
  • Jahr der Szene: 1989

Ohne Worte

Wie so oft sitze ich in meinem Kinderzimmer am Boden und spiele mit meinen Spielzeugautos. Da bemerke ich, wie mein Vater in der Tür steht, mich beobachtet, sich über mein kindliches Spiel freut. Ohne Worte spüre ich in diesem Moment, wie stolz er auf mich ist und wie grenzenlos seine Zuneigung. Das macht mich unendlich glücklich!

  • Sohn: 1972, Lehrer
  • Vater: 1946, Securitas
  • Jahr der Szene: 1978