Geschichtenarchiv

Zu früh abgeholt

Mit 16 Jahren durfte ich freitags immer mit meinen Freunden in die Disco. Es wurde vereinbart, dass mein Vater mich um 02.00 Uhr auf dem Parkplatz vor der Disco abholt. Dieses Mal kam mein Vater zu früh und deshalb in die Disco. Ich war noch fest beim Feiern und empfand seine Anwesenheit als Kontrolle, was ich ihn deutlich spüren liess. Mein Vater entgegnete mir, dass er sich nur in der Discothek, in der früher auch er gefeiert hatte, umsehen wollte. Er machte mir keine Vorwürfe wegen meines zickigen Benehmens und holte mich weiterhin zu jeder Nachtstunde ab. Heute habe ich selber Kinder und schätze diese Unterstützung noch mehr als damals.

  • Tochter: 1980, 4 Kinder
  • Vater: 1956, 3 Kinder
  • Jahr der Szene: 1996

Gesprochen hat er wenig

Auch bald 30 Jahre nach seinem Tod taucht er immer wieder in meinen Gedankenwelten auf. Offensichtlich hat mein Grossvater in mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Ich spaziere dann in Gedanken durch sein Landhaus, höre das Knarren des Parkettbodens unter meinen Füssen, sehe ihn auf dem Sofa sitzen, die hohe Stirn, das ernste Gesicht, vertieft in die Lektüre der Neuen Zürcher Zeitung. Bevor er aufsteht, durchs Wohnzimmer läuft, am Esstisch Platz nimmt, seine Suppe schlürft und schweigt. Im Hintergrund höre ich die Nachrichten, während ich seine Zahnlücke und seinen goldenen Zahn bestaune. Wie gerne würde ich heute an seinem Tisch sitzen und über alles reden, was damals unausgesprochen blieb.

  • Enkel: 1965, Spaziergänger
  • Grossvater: 1909, Textilunternehmer
  • Jahre der Szene: 70er/80er-Jahre

 

Retter in der Not

Mit 14 war ich mit acht Jungschar-Mädels am Meer, als wir bestohlen wurden. Weinend habe ich zu Hause angerufen. Um 3 Uhr nachts ist mein Vater losgefahren, hat bei einer Pizzeria für alle Essen bestellt und 100.000 Lire dagelassen.

  • Tochter: 1964 (Geschäftsführerin)
  • Vater: 1933 (Hotelier)
  • Jahr der Szene: 1978

Meine erste und letzte Motorradtour

Mit neun Jahren bekam ich von meinem Vater ein Mini-Motorrad. Tage später durfte ich meine erste Tour mit meinen Vater machen, der eine „Harley Davidson“ besass. Wir fuhren 20 Kilometer den Berg hoch bis zu einer wunderschönen Aussichtsplattform. Auf der Rückfahrt fuhr ich in ein Schlagloch, kam zu Sturz und brach mir den Arm. Das war meine erste und letzte Motorradtour. Das Minimotorrad sah ich nie wieder.

  • Sohn: 1996, Eisverkäufer
  • Vater: 1965, 3 Kinder
  • Jahr der Szene: 1974

Unterm Schutzmantel

Kurz vor dem Wildkirchli zieht überraschend ein Gewitter auf. Unter der Geisshaar-Pellerine unseres Vaters suchen ich und meine jüngere Schwester Schutz, bis das Unwetter vorbei ist. Das Gewitter hören, ohne es zu sehen – eine Mischung aus Angst und Geborgenheit. Nach einer Stunde lichtet sich der Himmel, wir ziehen weiter. Ein unvergessliches Erlebnis.

  • Sohn: 1943, Lebensgestalter
  • Vater: 1916, Strumpfwirker
  • Jahr der Szene: 1950

Tattoo

Seit einigen Jahren bin ich selbständiger Tätowierer. Tattoos haben mich schon immer begeistert. Zu meinem Vater habe ich oft gesagt, dass ich ihm ein Tattoo stechen würde. Aber er lehnte immer ab. Eines Tages kam er zu mir und sagte, nun sei er bereit. Er zeigte mir auf seinem Arm zwei Muttermale. Ich solle ihm ein „Muttermal“ tätowieren, damit niemand mehr unterscheiden könne, welches echt und welches gestochen sei. Nun bin ich gespannt, ob er noch weitere Tattoos habe möchte.

  • Sohn: 1996, Tätowierer
  • Vater: 1961, 3 Kinder
  • Jahr der Szene: 2019