Geschichtenarchiv

Ballon-Regen

Homeoffice. Seit ich zuhause arbeite, sind die Distanzen zwischen Arbeitsbüro und Kinderzimmer auf ein paar wenige Meter geschrumpft. Meine liebsten Assistentinnen sind jederzeit abrufbar, um auf den Tisch zu stehen und einen Wäschekorb voller Ballone vom Himmel regnen zu lassen. Eine analoge Animation vor digitalem Hintergrund, als kleine Irritation zu Beginn einer Videokonferenz.

  • Vater: 1965, Homeworker
  • Töchter: 2007/2009, Assistentinnen
  • Jahr der Szene: 2020

Unser Herr Sanders

Als Sanitär-Installateur hatte mein Vater immer wieder im Kloster Mariendonk zu tun. Er war bei den Nonnen sehr beliebt und brachte an Weihnachten immer wieder Geschenke aus dem Kloster nach Hause.

Mein Vater war bereits mehrere Jahre tot, als meine Mutter das Kloster aufsuchte und eine alte Nonne im Rollstuhl fragte, ob sie sich noch an ihren Mann erinnere. Mit grossen Augen sah die Nonne meine Mutter an: „Meinen Sie unseren Herrn Sanders?“ Und fragte ganz aufgeregt: „Wie geht es ihrer Tochter?“ Meine Mutter antwortete erstaunt: „Ich habe zwei Töchter.“ Die Nonne wurde etwas ungeduldig und meinte: „Ja ja, aber Sie haben eine Tochter, die sehr viel gereist ist, und Ihr Mann hat sich grosse Sorgen um sie gemacht. Wir haben immer für Ihre Tochter gebetet.“

Meine Mutter erzählte ihr, dass ich glücklich verheiratet sei und es mir gut gehe. Die alte Nonne lächelte und sagte: „Dann bin ich beruhigt, grüssen Sie Ihre Tochter von mir, ich werde weiter für sie beten.“ Nie hatte mein Vater meiner Mutter erzählt, dass er seine Sorgen um mich „seinen Klosterfrauen“ anvertraut hat. Danke Vati!

  • Tochter: 1953, Geschäftsleitungs-Assistenz
  • Vater: 1920-1998, Sanitär-Installateur
  • Jahre der Szene: 1975-2006

Quarantäne-erprobt

Im Corona-Abstand von rund zwei Metern sitzen wir uns auf dem Garten-Sitzplatz gegenüber, nachdem die Einkaufstüten in der Küche deponiert sind. Pa sagt, er sei Quarantäne-erprobt. Im Einsiedler Internat seien sie hinter den Klostermauern von der Aussenwelt fast vollständig abgeschottet gewesen. Keine Zeitung, kein Radio, Fernsehen gab es noch nicht – eine frühe Quarantäne-Erfahrung. Dementsprechend wohl fühlt er sich in dieser Ausnahmesituation. Um 7 Uhr steht er auf, macht seine Rückenübungen, dann gönnt er sich ein opulentes, zweistündiges Frühstück mit ausgedehntem Zeitunglesen. Von 10 bis 17 Uhr sitzt er an seinem Schreibtisch, einzig unterbrochen von einer Suppe oder Obst. Gegen 17 Uhr besucht er seine Lebenspartnerin zu Fuss in drei Funktionen: als Zubringer, Kostgänger und Spitex-Ersatz. Wieder zuhause beginnt um 19 Uhr 30 die Tagesschau, die er seit ein paar Wochen im ehemaligen Kohlenkeller schaut, während er auf dem Hometrainer dreieinhalb Kilometer abspult. Nach einem Abend mit Musik, Literatur oder TV neigt sich zwischen 23 und 24 Uhr ein langer Tag dem Ende entgegen.

  • Vater: 1935, Autor
  • Sohn: 1965, Einkaufs-Assistent
  • Jahr der Szene: 2020

Zeit für eigene Ideen

Tag 15 der ausserordentlichen Lage. Es ist kurz nach 22 Uhr, als ich im Kinderzimmer Licht entdecke. M. (10) ist nochmals aufgestanden, weil ihr eine Idee für ihre Geschichte „Ronja Kronenberg“ eingefallen ist. Wenig später sitzt sie an meinem Bettrand und liest mir das erste Kapitel vor. „Kannst du mich morgen eine halbe Stunde früher wecken, damit ich weiterschreiben kann?“, fragt sie mich strahlend, bevor sie wieder in ihr Zimmer huscht. Was für Energien die Coronakrise bei Kindern freisetzen kann.

  • Vater: 1965, Zuhörer
  • Töchter: 2009, Geschichtenschreiberin
  • Jahr der Szene: 2020

Lockdown in der Agenda

Und plötzlich ist jeder Tag auch ein Vatertag. Das Sturmtief „Corona“ hat alle Termine weggefegt, auf einen Schlag war die Agenda leer – die unverhoffte Gelegenheit, eine ganz neue, familienfreundliche Tagesstruktur aufzubauen. So starten wir neuerdings mit Literatur in den Tag, die wir beim gemeinsamen Frühstück austauschen: „Gregs Tagebuch“ oder „Die Schule der magischen Tiere“. Eine wunderbare Weiterbildung in angesagter Kinderliteratur.

  • Vater: 1965, Homeworker
  • Töchter: 2007/2009, Homeschooler
  • Jahr der Szene: 2020

 

Vrenelis Gärtli

Ferientage auf dem Urnerboden. Am Abend geht die Sonne unter, wirft ein letztes Licht auf den Fisetengrat. „Dafür hatten sie wieder Geld “, kommentiert mein Vater in seiner unverwechselbaren Art das Naturspektakel. „Was hat er jetzt wieder gemeint“, frage ich mich. Immer wieder bringt er uns mit seinem Schalk zum Nachdenken. Blicke ich heute auf die Glarner Alpen, wenn nur noch „Vrenelis Gärtli“ beleuchtet ist, denke ich immer an ihn.

  • Tochter: 1972, Verkäuferin
  • Vater: 1931-2014, Schreiner
  • Jahre der Szene: Mitte 80er-Jahre