Geschichtenarchiv

Jüngere Beine

Beim Arbeiten habe ich meinem zehnjährigen Sohn gesagt: «Hol mir doch bitte die Brille oben, du hast ja noch junge Beine.» Da hat er geantwortet: «Die jüngeren Beine habe ich schon, aber sie müssen auch noch länger halten.»

  • Erzähler: Ein 66-jähriger Landwirt
  • Jahr der Szene: 1988

Vater-Disco-Abend

Als unsere Kinder 11, 9 und 7 Jahre alt waren, besuchte meine Frau monatlich einen Kurs im Raum Zürich. Dass ich leidenschaftlicher Tänzer bin und mich Musik ganz automatisch in Bewegung setzt, war auch meinen Kindern schon länger bekannt. So war es ein kleiner und logischer Schritt, dass aus der vorabendlichen Bewegungslust meiner Kinder ein Tanzabend entstand, der sich spontan zum monatlichen Discoabend entwickelte. Unser Schlafzimmer mit seiner hohen Gibeldecke entdeckten die Kinder als perfekten „Tanzsaal“. Während eineinhalb Stunden wurde zu Oldies von ABBA, Boney M, Beatles, Queen etc. und Schlagern aller Art neben und auf  dem Bett wild getanzt und herumgehopst, bis die Latten aus dem Bettrost flogen. Als DJ und Tänzer genoss ich diese Discoabende mit meinen Kindern sehr. Sie gehörten während zwei Jahren zum festen Vater-Gutenacht-Programm. Auch heute entstehen manchmal ganz spontan Tanzabende. Dann fühle ich mich besonders glücklich, dass meine Kinder etwas von dieser wunderbaren Tanzleidenschaft für sich entdeckt haben.

  • Erzähler: 1960, Mediator und Playback-Theater Professional
  • Jahr der Szene: 2003

Biegen und Brechen

«Mi spezzo, ma non mi piego», hat er immer gesagt. Brechen könne er, sich verbiegen aber nicht. Mein Vater war Schuhmacher, ein stolzer Mann. Bis zu meiner späten Jugend wohnte ich mit ihm, meiner Mutter und meinen drei Geschwistern in einem kleinen Ort in Sizilien. Rieche ich heute Leim, erinnere ich mich an seine Werkstatt. Ich mag den Duft. Es ist der Duft meiner Kindheit. Trete ich heute in eine Werkstatt ein, erinnere ich mich an seine Geschichten. Jene Geschichten, die er erzählte, während er wartete, bis der Leim trocken war. Sich treu zu bleiben, sei das Wichtigste, pflegte er zu sagen. Vor neun, zehn Jahren wurde ich pensioniert. Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Meine Frau, eine Schweizerin, hat mich verlassen. Nicht alles war schön in meinem Leben, verbogen aber habe ich mich nie.

  • Erzähler: Ein 74-jähriger Pensionär
  • Jahr der Szene: In den Fünfzigern

I ghören äs Glöggli

Diagnose Hirntumor. Plötzlich war mein Vater unheilbar krank. Ich war damals 24 Jahre alt und hatte zu meinem Vater keinen besonders guten Kontakt. Als er mich kurz nach seiner Diagnose fragte, ob ich mit ihm in die Ferien fahren wolle, gab ich mir einen Ruck. Gemeinsam fuhren wir mit einem VW-Camper durch Norditalien. Wir stritten oder schwiegen uns an. Nicht so aber in jener Sommernacht. Wir hatten uns gerade hingelegt, als mein Vater plötzlich zu singen begann: I ghören äs Glöggli. I ghören äs Glöggli, das lütet so nätt. Stundenlang haben wir gelacht.

  • Erzähler: Ein 35-Jähiger über sein Verhältnis zu seinem Vater.
  • Jahr der Szene: 2003.

Barry White und Lion King

Musik macht ihn aus, meinen Vater. Er spielt Klavier und Akkordeon, exotische Instrumente wie ein ausgehöhlter und mit Wasser gefüllter Kürbis. Er liebt Dissonanzen und Soul. Früher musizierten wir oft zusammen: Er war am Klavier, meine Mutter hat gesungen und ich getanzt. Nur für mich eignete er sich ein ganzes Repertoire von Disneyliedern an. Als er dieselben Lieder vor kurzem an einem Familienfest spielte, musste ich weinen – vor lauter Rührung, tiefer Verbundenheit und der Freude darüber, so viel mit meinem Vater teilen zu können.

  • Tochter: Fachfrau Betreuung Kind, 1990
  • Vater: Bildungsbeauftragter für Gesundheitsberufe, 1957
  • Jahr der Szene: 2014

Finger-Tanz

Meine Lehrerin wünschte sich, dass ich Pianist werde. Ich entschied mich aber, das Klavierspielen als leidenschaftliches Hobby zu behalten. Während dem Klavierspielen sass mein Sohn (3) regelmässig auf meinen Knien und wünschte sich den „Appenzellertanz“. Langsam wurde er immer schwerer, bis er irgendwann einschlief. Für mich ein starker Moment in unserer Beziehung. (Später sagte er mir einmal, dass er dieses Stück so liebte, weil aus seiner Perspektive die Finger tanzten.)

  • Vater: 1957, Hobbymusiker
  • Sohn: 1992, Student
  • Jahr der Szene: 1995