Geschichtenarchiv

Der zerpflückte Früchtekorb

Sonntagmorgen, kurz nach 3 Uhr. Nach einem rauschenden Tanzmusik-Abend mit seiner Band „Jean Borel“ kommt mein Vater nach Hause und stellt seinen neusten „Pokal“ mitten auf den Esstisch: ein reichhaltiger Früchtekorb mit Zopf, Birnen, Guetzli, Schokolade und weiteren Köstlichkeiten. Ein paar Stunden später schleichen sich vier kleine „Mäuse“ aus den Federn, graben mit ihren Fingernägeln kleine Löcher in die Plastikfolie und zerpflücken das Objekt der Begierde Stück für Stück. Bis mein Vater gegen Mittag aufwacht, steht die Ananasbüchse verloren und verlassen zwischen zerrissenem Plastik, eine Wiederholungsgeschichte. – Letzten Sonntag nun ist mein Vater 80 Jahre alt geworden. Die passende Gelegenheit, ihm wenigstens den einen Früchtekorb zurückzuschenken, prallvoll und unversehrt.

  • Sohn: 1964, Bildungsunternehmer
  • Vater: 1933, kaufmännischer Angestellter, Tanzmusiker, Dirigent
  • Jahre der Szene: 1970-1974

Ich und Mutter Natur

Mein Vater packt Strahler-Utensilien ins Auto: Pickel, Hammer, Seil, Klettergurt. Und natürlich darf das Picknick nicht fehlen. So fahren wir einmal mehr in ein schönes Bündner Südtal. Erst geht’s wie üblich auf eine Wanderung in steilem Gelände. Dahin, wo die Natur ihre Schätze verbirgt. Wir beginnen zu graben. Da – die Spitze eines Bergkristalls funkelt uns entgegen. Alle Strapazen sind vergessen. Nur noch ich, der Kristall, und mein Vater.

  • Sohn (1986)
  • Vater (1950)
  • Jahr der Szene: ca. 1996

Bananen im Wald

Im Haus meines Grossvaters wohnten insgesamt 13 Personen und so gestaltete sich der Einkauf jeweils als grosses Ereignis. Mein Grossvater – ich erinnere mich noch gut an seinen grossen Bauch und seine dicken Küsse – nahm mich gelegentlich in seinem VW-Bus mit, um im Coop Besorgungen zu machen.  Auf der Heimfahrt machte er mit mir immer eine kleine Ausfahrt. Wir fuhren über Land, tuckerten über Waldwege, die seitliche Schiebetüre offen. Meine Beine baumelten hin und her, der Wald zog langsam an uns vorüber. Ich erinnere mich, wie ich dazu eine Banane nach der anderen verputzte und die Schale zur Schiebetüre hinaus direkt in den Wald warf. Ich ass so viele, bis ich nicht mehr konnte und mein Bauch zu platzen drohte. So etwas war nur bei meinem Grossvater möglich, er mochte Kinder sehr. Auf mich, seinen damals einzigen Enkel, hatte er stets ein besonderes Auge.

  • Erzähler: Student (1970)
  • Grossvater (1920)
  • Jahr der Szene: 1975

Aufklärung im Kino

Mein Mann und ich gehen gemeinsam mit unserem Sohn Moritz ins Kino. Nach einem Toilettenbesuch kommt Moritz ganz aufgeregt zu uns zurück und bittet seinen Vater um einen Euro. Auf die Frage meines Mannes, wozu er denn das Geldstück brauche, antwortet Moritz, er wolle beim Automaten in der Toilette eine Packung Luftballons kaufen. Uns wird schnell bewusst, um welche „Luftballons“ es sich handelt. Genötigt durch die Situation, nutzt mein Mann den Anlass zur Aufklärung unseres Sohnes. Von Neugier gepackt inspiziert Moritz den Automaten erneut, doch diesmal genauer. Anschliessend kommt er voller Aufregung zu uns zurück. Für alle Kinobesucher unüberhörbar und entsprechend gestikulierend, fragt er seinen Papi, wozu denn der Erdbeergeschmack gut sei, wenn man mit dem eigenen Kopf gar nicht dahin gelangen könne.

  • Erzählerin: Sozialarbeiterin i.A. (1974)
  • Sohn (2000, Schüler)
  • Vater (1973, Betriebswirt)
  • Jahr der Szene: 2006

Der coole Typ mit dem blauen Jeep

Heute, an einem winterlichen Samstag, darf ich in eine kleine Stadt im Vorarlberg in den Ausgang. Wir wollen in eine Disco gehen. Ich freue mich riesig. Wenn da nur nicht der Heimweg wäre. Meine Eltern haben mir nämlich verboten, mit meinen Kolleginnen und Kollegen das Taxi zu nehmen. So werden sie mich wie immer mit unserem uralten, weissen Kombi abholen. – Genau das ist auch der Haken. Ich schäme mich wegen der alten, weissen Klapperkiste meiner Eltern. Alle hören schon von Weitem, wenn mein Vater angefahren kommt. Auch heute vereinbaren wir, dass er mich um ein Uhr nachts vor der Disco abholt. Ich warte draussen in der tiefen, kalten Nacht. Mein Atem bläst weisse Dunstgebilde in die Luft. An den Fenstern bilden sich Eiskristalle. Es schlägt 1 Uhr, aber weit und breit ist kein weisser Kombi zu sehen, noch zu hören. Ich beginne mich ein wenig zu ängstigen, denn mein Vater erscheint immer sehr pünktlich. Plötzlich kommt ein blauer Jeep mit heruntergelassener Scheibe und lauter Rockmusik angefahren und hält mit quietschenden Reifen vor mir an. Der Typ im Auto öffnet die Beifahrertür. Unter neidischen und fragenden Blicken meiner Kolleginnen und Kollegen steige ich ein. Mein Fahrer gibt Gas und braust mit mir in die dunkle Nacht. Nach einer Weile mässigt er das Tempo und stellt die Musik leiser. Es ist mein Vater, der mich heute mit zerzausten Haaren und im Jogginganzug mit unserem Jeep, der normalerweise in der Garage im Winterschlaf verweilt, abholt. Seine Überraschung ist gelungen und wer mich in Zukunft mit dem blauen Jeep wie ein Sonnyboy nach Hause fährt, wissen nur er und ich.

  • Erzählerin: Studentin, 17 Jahre
  • Vater: 40 Jahre
  • Jahr der Szene: 2005

Unter den Linden

Gestern haben wir unseren Vater beerdigt. Es war sein Wunsch, im engsten Familienkreis auf dem Land unter seiner Linde begraben zu werden. Es war die schönste und persönlichste Beerdigung, die ich je erlebt habe. Mein Bruder und ich haben am Feuer ein Resümée seines Lebens gezeichnet, S. hat sein Gebet gesprochen, P. seine Asche in einen von Rosen geschmückten Zugang zu den Wurzeln der Linde gestreut. H. hat alles liebevoll vorbereitet und gestaltet. Meine Mutter war tief bewegt und glücklich, weil sie immer das Gefühl hatte, Otto sei auch da und lächle dankbar.

  • Sohn: 1955, Biologe
  • Vater: 1920, Generalkonsul
  • Jahr der Szene: 2013