Geschichtenarchiv

Alpamare

Als ich im menschenvollen Schwimmbecken wieder aus dem Wasser auftauche, sehe ich meinen Vater, der vor mir wie ein Blitz die Rutschbahn runtergeflitzt kommt, voller Stolz und mit einem breiten Grinsen im Gesicht aus dem Wasser steigen, wohl nicht merkend, dass er quer über die linke Gesässbacke ein riesiges Loch in der Badehose hat.

  • Erzählerin: Tochter (1990, Studentin)
  • Vater (1961, Sachbearbeiter)
  • Jahr der Szene: 2000

Mein Vater, ein Filou

Mein Vater war ein Filou, der gerne feierte und Streiche spielte, was für meine Mutter nicht immer ganz einfach war. So liess er sich eines Tages im Kegelclub auf die Wette ein, eine Kutsche vor Ablauf einer Stunde eine Bergrennstrecke von 3.7 Kilometern hochzuziehen, und dies aus reiner Manneskraft.

Der Tag X kam, eine Art Volksfest. Mein Vater stand an der Startlinie, das Pferdegeschirr umgeschnallt, die Deichsel in der Hand, von einer Menschentraube angefeuert. Das Ende des Lieds: Mein Vater schaffte es tatsächlich in 58 Minuten, ein grosser Siegerkranz wurde ihm umgelegt. Und ich war voller Stolz, trotz der Wut meiner Mutter im Nacken.

Der gewonnene Wetteinsatz – 250 Liter Bier – wurde ein Jahr später im Rahmen eines Dorffestes vertrunken.

  • Sohn: 1963, Sozialarbeiter.
  • Vater: 1930, Textilkaufmann.
  • Jahr der Szene: 1971.

Das Vögelchen und der Stein

Ich höre meinem Vater zu, wie er von der Ewigkeit spricht. Da ich nicht weiss, was die Ewigkeit ist, frage ich nach. Er erzählt mir die Geschichte eines Vögelchens, welches einmal jährlich zu einem Stein fliegt, um an ihm seinen Schnabel zu wetzen. „Wenn der Stein vollständig abgewetzt ist, ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen“, sagt er mir. Mich beeindruckt bis heute, dass er mir diesen komplexen Begriff so kindgerecht erklären konnte.

  • Tochter (7 jährig)
  • Jahr der  Szene: 1997

Vom Kind im Manne

Ich bin sechs Jahre alt und liege mit einer Infusion am Arm im Spitalbett. Neben mir, am Bettrand sitzend, mein Vater, der mich mal wieder mit seinem Kind im Manne und verschmitzten Lachen dem Spitalalltag entkommen lässt. Wir versuchen uns gegenseitig im Gameboyspiel zu schlagen und vergessen dabei die Welt um uns herum. Sogar das aggressive und ohrenbetäubende Piepen des Infusionstropfsystems lässt meinen Vater unbeirrt und gelassen. Er setzt dem ungebetenen Störenfried ein Ende, indem er einfach irgendeinen, zufällig gewählten Knopf am Gerät drückt. Dies mit der Folge, dass die ganze Infusionsflüssigkeit an die Wand spritzt. Selbst das lässt meinen Vater unbeeindruckt. Wir spielen einfach weiter und geniessen in diesem Moment die heile Welt. Mein Vater lässt uns beide Kind sein.

  • Sohn (1983)
  • Vater (1948, Überlebenskünstler und Träumer)

Ein sprachloses Nebeneinander

Dass mein Vater immer diese farbigen Hände hatte? Viel zu viele Farbtupfer fanden den Weg auf die beiden grossen Handoberflächen und seine Fingernägel, dazu auch auf seine grossen Schuhe. 9- oder 10-jährig war ich, als ich ihm anbot, seine Fingernägel mit Aceton zu putzen. Ja, ich war auch schon damals eitel, hier für meinen Vater. Mein Dätti sollte sich nicht schämen müssen mit seinen schönen Händen. Das Ritual war eine eindrückliche Zeremonie. Sofort bildeten wir einen länger anhaltenden Verbund. Vater legte seine Hände auf das Lavabo, gereinigt habe ich jeden seiner Finger. Genüsslich nahm er sich Zeit, mir seine Hände anzuvertrauen. Es schien, als liesse er seinen Tag Revue passieren. Ein spürbares Loslassen von Tageshektik, in die Ruhe übergleitend, ein sprachloses Nebeneinander. Ich erlebte meinen Vater nah und entspannt mit einem geschenkten Vertrauen. Später aus solch wegweisenden Erlebnissen zehren zu dürfen, macht dankbar.

  • Tochter: 1944, Kommunikationsfachfrau
  • Vater: 1906, Malermeister
  • Jahr der Szene: 1953/54

Mein Fels in der Brandung

Weinend steht mein Vater im Gang unseres Hauses, als ich nach Hause komme. Mein Vater kommt auf mich zu und nimmt mich in die Arme. Er erzählt von seinem guten Freund, der eben von einer Lawine verschüttet wurde und dabei verstorben ist. Das ist das erste Mal, dass mein Vater bei mir Trost sucht. Die bereits gute Beziehung hat sich durch dieses Ereignis noch mehr vertieft.

  • Tochter (1964)
  • Vater (Arzt)
  • Jahr der Szene: 1978