Geschichtenarchiv

Das Vögelchen und der Stein

Ich höre meinem Vater zu, wie er von der Ewigkeit spricht. Da ich nicht weiss, was die Ewigkeit ist, frage ich nach. Er erzählt mir die Geschichte eines Vögelchens, welches einmal jährlich zu einem Stein fliegt, um an ihm seinen Schnabel zu wetzen. „Wenn der Stein vollständig abgewetzt ist, ist eine Sekunde der Ewigkeit vergangen“, sagt er mir. Mich beeindruckt bis heute, dass er mir diesen komplexen Begriff so kindgerecht erklären konnte.

  • Tochter (7 jährig)
  • Jahr der  Szene: 1997

Vom Kind im Manne

Ich bin sechs Jahre alt und liege mit einer Infusion am Arm im Spitalbett. Neben mir, am Bettrand sitzend, mein Vater, der mich mal wieder mit seinem Kind im Manne und verschmitzten Lachen dem Spitalalltag entkommen lässt. Wir versuchen uns gegenseitig im Gameboyspiel zu schlagen und vergessen dabei die Welt um uns herum. Sogar das aggressive und ohrenbetäubende Piepen des Infusionstropfsystems lässt meinen Vater unbeirrt und gelassen. Er setzt dem ungebetenen Störenfried ein Ende, indem er einfach irgendeinen, zufällig gewählten Knopf am Gerät drückt. Dies mit der Folge, dass die ganze Infusionsflüssigkeit an die Wand spritzt. Selbst das lässt meinen Vater unbeeindruckt. Wir spielen einfach weiter und geniessen in diesem Moment die heile Welt. Mein Vater lässt uns beide Kind sein.

  • Sohn (1983)
  • Vater (1948, Überlebenskünstler und Träumer)

Ein sprachloses Nebeneinander

Dass mein Vater immer diese farbigen Hände hatte? Viel zu viele Farbtupfer fanden den Weg auf die beiden grossen Handoberflächen und seine Fingernägel, dazu auch auf seine grossen Schuhe. 9- oder 10-jährig war ich, als ich ihm anbot, seine Fingernägel mit Aceton zu putzen. Ja, ich war auch schon damals eitel, hier für meinen Vater. Mein Dätti sollte sich nicht schämen müssen mit seinen schönen Händen. Das Ritual war eine eindrückliche Zeremonie. Sofort bildeten wir einen länger anhaltenden Verbund. Vater legte seine Hände auf das Lavabo, gereinigt habe ich jeden seiner Finger. Genüsslich nahm er sich Zeit, mir seine Hände anzuvertrauen. Es schien, als liesse er seinen Tag Revue passieren. Ein spürbares Loslassen von Tageshektik, in die Ruhe übergleitend, ein sprachloses Nebeneinander. Ich erlebte meinen Vater nah und entspannt mit einem geschenkten Vertrauen. Später aus solch wegweisenden Erlebnissen zehren zu dürfen, macht dankbar.

  • Tochter: 1944, Kommunikationsfachfrau
  • Vater: 1906, Malermeister
  • Jahr der Szene: 1953/54

Mein Fels in der Brandung

Weinend steht mein Vater im Gang unseres Hauses, als ich nach Hause komme. Mein Vater kommt auf mich zu und nimmt mich in die Arme. Er erzählt von seinem guten Freund, der eben von einer Lawine verschüttet wurde und dabei verstorben ist. Das ist das erste Mal, dass mein Vater bei mir Trost sucht. Die bereits gute Beziehung hat sich durch dieses Ereignis noch mehr vertieft.

  • Tochter (1964)
  • Vater (Arzt)
  • Jahr der Szene: 1978

Der zerpflückte Früchtekorb

Sonntagmorgen, kurz nach 3 Uhr. Nach einem rauschenden Tanzmusik-Abend mit seiner Band „Jean Borel“ kommt mein Vater nach Hause und stellt seinen neusten „Pokal“ mitten auf den Esstisch: ein reichhaltiger Früchtekorb mit Zopf, Birnen, Guetzli, Schokolade und weiteren Köstlichkeiten. Ein paar Stunden später schleichen sich vier kleine „Mäuse“ aus den Federn, graben mit ihren Fingernägeln kleine Löcher in die Plastikfolie und zerpflücken das Objekt der Begierde Stück für Stück. Bis mein Vater gegen Mittag aufwacht, steht die Ananasbüchse verloren und verlassen zwischen zerrissenem Plastik, eine Wiederholungsgeschichte. – Letzten Sonntag nun ist mein Vater 80 Jahre alt geworden. Die passende Gelegenheit, ihm wenigstens den einen Früchtekorb zurückzuschenken, prallvoll und unversehrt.

  • Sohn: 1964, Bildungsunternehmer
  • Vater: 1933, kaufmännischer Angestellter, Tanzmusiker, Dirigent
  • Jahre der Szene: 1970-1974

Ich und Mutter Natur

Mein Vater packt Strahler-Utensilien ins Auto: Pickel, Hammer, Seil, Klettergurt. Und natürlich darf das Picknick nicht fehlen. So fahren wir einmal mehr in ein schönes Bündner Südtal. Erst geht’s wie üblich auf eine Wanderung in steilem Gelände. Dahin, wo die Natur ihre Schätze verbirgt. Wir beginnen zu graben. Da – die Spitze eines Bergkristalls funkelt uns entgegen. Alle Strapazen sind vergessen. Nur noch ich, der Kristall, und mein Vater.

  • Sohn (1986)
  • Vater (1950)
  • Jahr der Szene: ca. 1996