Geschichtenarchiv

Auf der Suche nach Edelpilzen

Es ist wieder Pilzsaison. Mein Vater weckt mich um 4 Uhr morgens, belegte Brote werden vorbereitet. Dann fahren wir mit dem Zug an die slowakische Grenze, wo wir im Tannenwald nach frischen Edelpilzen suchen. Der grösste Moment für mich: Wenn wir die belegten Brote auspacken und gemeinsam essen. – Was mich Pappa gelehrt hat: mich im Wald zu verlieren und wieder herauszufinden, indem ich mich von meinem Instinkt leiten lasse.

  • Sohn: 1963, Kirchenmitarbeiter
  • Vater: 1931, Bergarbeiter
  • Jahre der Szene: 1967-1977

Obetspaziergang

Meine kleine Enkelin Malin (6) klopft ans Stubenfenster und fragt: „Neni, nemmsch mi mit of Din Obetspaziergang?“ So steigen wir Hand in Hand gemächlich den Hang hinauf. Malin erzählt vorerst ein Erlebnis aus dem Kindergarten. Dann bittet sie: “ Neni, verzellsch e Gschicht?“ So gelangen wir fröhlich plaudernd auf den nahen Hügel.  „Hockemer echli here?“, fragt sie und sagt: „Lueg, do hätts scho Blüemli, schmeckids  ächt?“ Die ersten Anemonen sind schon offen.

Unten bei der Zürchersmühle pfeift der Zug und der schwache Wind riecht leicht nach Pschütti. – „D`Sonn goht jetz denn onder“. Wir staunen in den leuchtend roten Abendhimmel, bis der letzte Strahl hinter dem Teufenberg verschwunden ist. Glücklich und zufrieden, ohne viele Worte, gehen wir wieder zum Haus zurück. „Guet Nacht Malin“, „guet Nacht Neni, Tanke“. Ich fühle mich gut, zufrieden und dankbar, weil ich mit Malin und ihrer Familie unter einem Dach wohnen darf.

  • Grossvater: 1933, pensionierter Hausarzt
  • Enkeln: 2008
  • Jahr der Szene: 2014

Das Rattern der Anzeigetafel

Flughafen Basel-Mulhouse. Die Anzeigetafel rattert: Städte, Flugnummern und Verspätungsmeldungen setzen sich neu zusammen. Ein Geräusch, das zu meiner Kindheit gehört. Alle paar Wochen stehen wir hier – meine Mutter, mein Bruder und ich – und warten stundenlang auf meinen Vater, der von einer Auslandreise zurückkehrt. Und so sausen wir auf dem Rollwägeli die Rampe auf und ab, um uns die Zeit zu vertreiben. Bis Vater endlich in der Ankunftshalle auftaucht und uns vom Wiedersehen nur noch die dicken Scheiben trennen.

  • Tochter: 1973, Pfarrerin
  • Vater: 1938, Elektroingenieur
  • Jahre der Szene: Anfang 80er Jahre

Heimlicher Stolz

Barfuss stehe ich unter dem Fabriktor und staune die Arbeiter an, die wie mein Vater nach Metall, Öl und Fett riechen. Ungeduldig trete ich von einem Bein aufs andere – und warte und warte. Endlich erscheint er, ganz hinten zwischen den Maschinen. Mit seiner breiten klobigen Hand ergreift er die Stempelkarte, die Nummer 1. Und dann kommt der grosse Augenblick! Vater holt sein Fahrrad aus dem Ständer, steigt auf und wartet, bis ich auf dem Packträger Platz genommen habe.

Wenn ich dann so hinter seinem Rücken sitze, überkommt mich ein stiller Stolz. Und ich weiss gar nicht so genau, warum ich ihn immer wieder von der Arbeit abhole, den langen Weg über stechenden Kies und klebrig heissen Asphalt unter die blossen Füsse nehme: Ist’s wegen den eindrücklich grossen Maschinen und ihrem Lärm? Ist’s wegen Vater, der sie alle bedienen kann? Oder ist’s wegen der luftigen Heimfahrt auf dem Packträger und dem heimlichen Stolz? Seht, das ist mein Vater, die Nummer 1!!!

  • Sohn: 1945, pensionierter Reallehrer
  • Vater: 1910, Autogenschweisser
  • Jahre der Szene: Mitte 50er-Jahre

Der Duft der grossen, weiten Welt

Er stand auf dem Bücherregal zwischen Elfenbein-Kugeln und afrikanischen Holzfiguren: der abgegriffene Globus meines Vaters, gespickt mit farbigen Stecknadeln. Die Nadel mit dem gelben Kopf markierte die Schweiz, die vielen roten und blauen Köpfe die wichtigsten Destinationen, die mein Vater als Maschinist auf hoher See erlebte, bevor er Kinder hatte. Wir liebten es, unserem Vater sonntags die Geschichten hinter den Nadelköpfen zu entlocken: Abenteuer aus Casablanca, Porto Prince oder Shanghai. Dieser Globus verbreitete den Duft der grossen, weiten Welt, der mich später animierte, mit meiner eigenen Familie 3 Jahre lang mit einem selbst gebauten Boot auf hoher See unterwegs zu sein.

  • Tochter: 1965, Schulleiterin
  • Vater: 1936, Mechaniker & Fahrlehrer
  • Jahre der Szene: 1972/73

Milchschnitten

Abends in der Stube. Ich und meine jüngere Schwester sitzen mit unserem Vater vor dem Fernseher. Als eine Werbung von Milchschnitte gezeigt wird, bekommen wir zwei Schwestern grosse Lust, eine zu naschen. Wir schwärmen, wie gut das doch wäre und wie schade es sei, dass wir keine im Hause hätten. Nach einer Weile kommt plötzlich unser Vater zur Türe herein, tritt direkt vor uns hin und hält uns zwei Milchschnitten vor die Nase. Wir freuen uns riesig und fallen unserem Papa um den Hals. Ganz unbemerkt hat er sich davon geschlichen und in der Tankstelle um die Ecke Milchschnitten gekauft.

Erzählerin: Mädchen (13 Jahre)