Geschichtenarchiv

Stadion „Rote Erde“

Anfang sechziger Jahre hatte mein Vater im Stadion „Rote Erde“ gegen Borussia Dortmund gespielt. Er war ein ziemlich guter Fußballer. Wenn vom Stadion „Rote Erde“ gesprochen wurde, bekam er leuchtende Augen. Als ich ungefähr 8 Jahre alt war und nach einer längeren Krankheit genesen, ließen mich die großen Jungs auf der Straße nicht mitspielen. Mein Vater kam dazu und fragte: „Warum lasst ihr ‚den Jung’ nicht mitspielen? Mich aber werdet ihr doch wohl mitspielen lassen!“ Und dann hat mein Vater den größeren Jungs gezeigt, wie gut er noch immer Fußball spielt. Von da an durfte ich immer mitspielen.

  • Sohn: 1965, Theologe
  • Vater: 1938, Lokomotivführer
  • Jahr der Szene: 1973

Käfer küsst Misthaufen

Bis zum Bauernhaus geht alles gut. Als 10-jähriger Junglenker sitze ich im blauen VW-Käfer. Neben mir mein Vater, der mir kurze, knappe Anweisungen gibt. Kurz vor der fatalen Kurve verstärken sich seine Worte zu einem hektischen Wortschwall. Komplett überfordert reisse ich das Steuer herum und lande mit der Kiste bei Gerbers im Misthaufen. Der linke Kotflügel ist nicht mehr zu sehen. Vater ist ganz bleich im Gesicht und sagt nichts mehr. Umso lauter ist der Hohn und Spott der herbei eilenden Bauernkinder. – Acht Jahre später wird die Fahrschule fortgesetzt, dannzumal im standesgemässen Volvo 121. Vater hat die Schwierigkeitsstufen sukzessive und mit Bedacht gesteigert, Misthaufen wurden grossräumig umfahren.

  • Vater: 1935 Elektroingenieur
  • Sohn: 1960 Schauspieler & Regisseur
  • Jahr der Szene: 1970

Zeitungs-Durchstreicher

Wie alle Kinder werden auch meine Mädchen hin und wieder nach dem Beruf ihres Vaters gefragt: “Vorträgler und Zeitungs-Durchstreicher“ habe ich sie letzthin antworten gehört. Tatsächlich sind Zeitungen omnipräsent in unserem Haushalt: Herausgerissene Seiten türmen und stapeln sich, suchen sich immer wieder neue Ablageflächen – zum Leidwesen meiner Frau.

Woher diese Gewohnheit stammt? Sie ist mir in meiner Kindheit tausendfach vorgelebt, fast schon eingeimpft worden, wie ein Schwarzweiss-Foto aus dem Jahr 1967 belegt: Strahlend sitze ich auf den Knien meines Vaters, vor uns die Tageszeitung ausgebreitet. Die Leidenschaft meines Vaters scheint nahtlos auf mich übergegangen zu sein.

  • Sohn: 1965, Zeitungs-Durchstreicher
  • Vater: 1935, emeritierter Uni-Professor
  • Jahr der Szene: 1967/2015

Matratzen-Menu

Nach der Trennung meiner Eltern verbrachten ich und meine kleinere Schwester jedes zweite Wochenende bei meinem Vater. Auf den Freitagabend freuten wir uns immer ganz besonders. Kaum hatten wir die Wohnung betreten, schafften wir unsere Matratzen auf den Parkettboden des grossflächigen Wohnzimmers und genossen zwischen Cheminée und Fernseher unser Matratzen-Menu: Pommes, Plätzli und Bratensauce, gefolgt von Vanille- oder Schoggicrème. Anschliessend durften wir uns auf RTL einen Kinderfilm ansehen. Ein Abend voller Ausnahmen.

  • Tochter: 1994, Kleinkinder-Erzieherin
  • Vater: 1965, Elektriker
  • Jahre der Szene: 2004/05

Anatomie-Unterricht in Garage

Mein Vater arbeitete als Metzger in einer Wurstfabrik. Hie und da nahm er ein halbes Schwein mit nach Hause, legte ein Metzgerbrett auf die Werkbank und zerschnitt es in der Garage fachgerecht. Meine Aufgabe war das Verpacken und Beschriften der Fleischpakete. Die Nachbarn klopften jeweils konspirativ an die Garagentüre und holten ihr günstiges Fleisch ab – der Hausbesitzer durfte nichts erfahren. Die geheimnisvolle Atmosphäre, im Hintergrund Hudigäggeler Musik vom alten Kassettengerät, Vaters Geschichten: Das waren ganz besondere Tage mit meinem Vater.

  • Tochter: 1965, Psychologin
  • Vater:1941, pensionierter Metzger
  • Jahr der Szene: 1977

Zwei Mundstücke auf dem Klavier

Glanz und erst dann Gloria und einen speziellen Geruch noch heute in der Nase. Das Resultat des ganzen Getues nach einer schwarzen Schmiererei: Der herrliche Glanz mit Blick auf mein vergrössertes Spiegelbild. Der Zauber? Das wunderbar glänzende Instrument: Die Tuba meines Vaters. Das Wundermittel? Freude am Tun, flinke jugendliche Hände, Sigolin und vor allem die dankbar leuchtenden Augen meines Dätti. Zwei Mundstücke stehen in Erinnerung an meinen Vater auf meinem Klavier. Diese klingen nach in geliebter Marschmusik.

  • Tochter: 1944, Kommunikationsfrau
  • Vater: 1906, Unternehmer
  • Jahr der Szene: 1958