Geschichtenarchiv

Kindheit in Bosnien

Mein Vater ist ein guter Geschichtenerzähler. Ich mag seine Geschichten. Erzählt er von seiner Kindheit in Bosnien, höre ich gerne zu. Ich kann mir gut vorstellen, wie mein Leben in Bosnien aussehen würde. Ich bin froh, hier zu sein. Mein Vater, glaube ich, ist es auch. Schläft er am Abend vor dem Fernseher ein, sieht er jedenfalls meistens ganz zufrieden aus. Und das trotz seiner harten Arbeit auf dem Bau.

  • Tochter:  Schülerin (15)
  • Jahr der Szene: 2014
  • Aufgezeichnet von Adrian Soller

Kinder-Charme

Kinder sind Meister im Komplimente-Machen. So bedauerte unsere jüngere Tochter (6) letzthin, dass ich nicht noch ein kleiner Junge sei, dann nämlich würde sie mich heiraten. Und unsere ältere Tochter (8) meint, meine Glatze passe gut in mein Gesicht… Noch nie ist meine länger werdende Stirn derart liebevoll kommentiert worden. Wie lange wohl dieser charmante Umgang mit dem Vater noch anhalten wird?

  • Vater: 1965, Geschichtenkurier
  • Töchter: 2007 / 2009
  • Jahr der Szene: 2016

Aorta-Riss

Der Anruf erreichte mich auf dem Weg zur Badi. Vater liege auf der Notfallstation. Als wir bei ihm ankamen, war die Operation bereits im Gang. Der Assistenzarzt machte uns wenig Hoffnung. Vater hatte einen Aortariss nahe beim Herz. Falls er überhaupt überleben würde, wären Folgeschäden wahrscheinlich. Die Operation dauerte neun Stunden. Ich war erstmals mit der Vorstellung konfrontiert, meinen Vater zu verlieren – mitten aus der noch ungeklärten und unfertigen Beziehung, in der wir damals standen. Vater erholte sich fast vollständig. Wenn wir uns heute sehen, umarmen wir uns.

  • Sohn: Ein 36-jähriger Schweizer
  • Jahr der Szene: 2007

Ölig-metallischer Geruch

Letzthin habe ich an meiner Arbeitsstelle ein grosses Kreuzrollen-Lager ausgepackt. Beim Entfernen der Kunststoff-Folie entfaltete sich ein ganz spezieller ölig-metallischer Geruch, der augenblicklich intensive Gefühle/Erinnerungen an meinen Vater und meine Jugendzeit aufkommen liess.

Ab und zu holte ich meinen Vater abends von der Arbeit ab. Manchmal zeigte er mir noch ein spezielles Fahrzeug in der Halle oder machte mit mir eine «Tour» durchs Zeughaus, um vor dem Feierabend noch irgendwas in eine andere Abteilung zu bringen, bevor wir uns gemeinsam auf den Heimweg machten.

Jetzt katapultierte mich dieser spezielle Geruch, der dort in der Werkstatt aber auch an meinem Vater und seinen Kleidern hing, in Zehntelsekunden 45 Jahre zurück und ich fühlte wieder den Stolz auf meinen Vater.

  • Vater: Automechaniker, Werkstattleiter, 1923-2001
  • Sohn: Konstrukteur, z.Zt. Monteur, 1960
  • Jahre der Szene: ca. 1970-72

Selbstbestimmter Abschied

Ich erinnere mich noch der frühen 60er-Jahre, stolz neben dem Chauffeur eines Saurer-Lastwagens sitzend. An schulfreien Nachmittagen durfte ich meinen Vater beim Ausliefern von Mehl und Tierfutter öfters als Beifahrer begleiten. Es war etwas Besonderes für mich, ihm zuzusehen, wie leidenschaftlich und aufmerksam er sein Gefährt lenkte und pflegte. Nach 44 Jahren wurde er mit einem Dankeschön in den Ruhestand entlassen, um fortan mit leichteren Autos auf der Strasse unterwegs zu sein. Dass er im Februar 2016 nach 75 unfallfreien Jahren selber entschieden hat, den Ausweis dem Strassenverkehrsamt zurückzugeben, hat mich berührt. Es war einer der seltenen Momente, in denen ich Tränen in seinen Augen sah. Ich bin stolz auf meinen Vater!

  • Vater: 1921, Lastwagen-Chauffeur
  • Sohn: 1950, Linien-Pilot
  • Jahr der Szene: 2016

Friedhofs-Gespräche

Meine Mutter hat jeden Morgen die Todesanzeigen in der Zeitung gelesen. Manchmal machte sie eine Bemerkung wie: „Ah, heute hat der Vater aber viel zu tun!“ Vater war Bestattungsbeamter.

Ein grosses Ereignis war für uns Kinder, ihn von der Arbeit im Stadthaus Zürich abzuholen. Stundenlang konnte ich meinem Vater zuhören, wenn er über die undurchdringbare Dunkelheit im Bündner Bergdorf, wo er aufwuchs, erzählte. Eine unvorstellbare Welt für uns Stadtkinder. In den Ferien gingen wir jeweils in seine Heimat, wo er sich der Grabpflege seiner Eltern widmete. Mehr über früher erfuhren wir, wenn wir die Fotos, Geburts- und Todeszahlen auf den Grabsteinen mit ihm betrachteten.

Viel später, nach Vaters Tod, holten wir ihn an seinem ehemaligen Arbeitsort im Stadthaus ein letztes Mal ab. Dass mir von ihm kein Ort zum Trauern und für Zwiegespräche blieb, betrübt mich manchmal. Aber die Erinnerungen an die gemeinsamen Friedhofsgespräche werde ich nie vergessen.

  • Tochter: Mitarbeiterin familienservice, 1975
  • Vater: Bestattungsbeamter, 1926
  • Ort der Szene: Misox