Geschichtenarchiv

Spuren im Schnee

Ich bin unterwegs mit Vater auf der Skitour. Wir sind im Aufstieg. Vater zieht die Spuren. Auch ich kann meine eigene Spur ziehen, wenn ich will, aber wir sind gemeinsam unterwegs. Der Schnee, die Spur, die Natur: das verbindet. Hier ist ein Raum, der manches möglich macht, was ich im Alltag vermisse: Ich werde geführt – einfach so. Ich werde ernst genommen – einfach so. Wir sind zusammen – einfach so.

  • Sohn: 1982, Gärtner
  • Vater: 1951, Elektroingenieur
  • Jahr der Szene: 1997
  • Aufgezeichnet von Andreas Borter

Vertrautes Signal

Während meiner Schulzeit gingen meine drei Geschwister und ich in der Mittagspause nach Hause. Das Mittagessen stand schon auf dem Tisch, zusammen mit der Mutter assen wir. Nach dem Essen verzogen wir uns in unsere Zimmer.

Mein Vater, Arzt mit eigener Praxis, kam immer mit dem Auto auch noch kurz nach Hause, meist jedoch erst, wenn wir schon fertig gegessen hatten. Unten an der Strasse, immer an der genau gleichen Stelle in einer Linkskurve, hupte er jedes Mal, um sein Kommen anzukünden. Ich sass in meinem Zimmer und wartete auf das vertraute Signal.

Das Hupen höre ich heute noch, wenn ich an dieser Stelle vorbei gehe.

  • Sohn: 1951, Theologe
  • Vater: 1917, Arzt
  • Jahr der Szene: 1965
  • Aufgezeichnet von Nicolas Zogg

Schiffbauer im Sand

Sommerferien an der Nordsee. Bis 300 Meter laufen wir hinaus, wenn Ebbe ist. Mit der Schaufel zeichnet mein Vater die Umrisse eines Schiffs in den Sand. Gemeinsam helfen ich und meine drei Geschwister mit, ein Schiff aus Sand entstehen zu lassen. Wenn die Flut kommt, stehen wir zu fünft am Bug und trotzen dem Wasser.  – Diesen Nervenkitzel habe ich übernommen, als ich selber Kinder hatte. Meine Frau hatte nur ansatzweise mitgemacht, sich ebenso zurückgehalten wie damals meine Mutter. Es war immer klar: Das ist Vatersache.

  • Sohn: 1967, Lehrer
  • Vater: 1933, Buchhalter
  • Jahre der Szene: 1975-1985 / 2000-2010
  • Aufgezeichnet von Mark Riklin

Was die Welt zusammenhält

Sonntagnachmittag. Vater und ich machen einen Spaziergang. Nur wir zwei, die Schwestern und die Mutter bleiben lieber zuhause. Vater kann ich alles fragen. Es scheint nichts zu geben, was er nicht weiss. Wir reden und philosophieren über die Pflanzen am Wegrand, die Naturphänomene am Himmel und die grossen Fragen des Lebens. Ich bin fasziniert. Diese Freude, im Gespräch mit Vater immer besser zu verstehen, wie die Welt funktioniert. Diese Sonntagsspaziergänge sind mein Einstieg in die Welt der Bildung.

  • Tochter: Biologin (43)
  • Jahre der Szene: Anfang 80er Jahre
  • Aufgezeichnet von Mark Schwyter

Spaghetti-Dschungel

570 Gramm Mehl. 12 Eier. 12 Esslöffel Olivenöl. 75 Gramm Butter. Ein bisschen Salz und Pfeffer. Kneten. Schneiden. Und dann trocknen lassen. Sie hingen überall in der Küche. An Schnüren hatten wir sie aufgehängt, die selbstgemachten Spaghetti. Ein bisschen sah es aus wie im Dschungel.

  • Tochter:  Studentin (24)
  • Jahr der Szene: um das Jahr 2000
  • Aufgezeichnet von Adrian Soller

Dreckige Strümpfe

Bis etwa 1959 lebte mein Vater in Stuttgart. Immer wieder hat er uns Geschichten aus seiner Jugend erzählt. Einmal haben sich seine Schwestern bei einem Bombenalarm im Strassengraben versteckt. Statt „Gott sei Dank ist Euch nichts passiert“ hiess es: “Schaut Euch mal Eure dreckigen Strümpfe an“. Im Jahre 2000 besuchten mein Vater (61) und ich (22) seine Geburtsstadt. Wir spazierten das „Schlangenwägli“ am Rebberg entlang, sahen den Strassengraben und besichtigten das Haus seiner Kindheit: „Dort stand unser Sofa und dort hing die Wanduhr.“ Erst bei diesem Besuch habe ich seine Geschichten richtig verstanden und konnte mich gleichzeitig einen weiteren Schritt von meinem Vater ablösen.

  • Tochter: 1978, Sozialpädagogin
  • Vater: 1939,  pensionierter Anästhesist
  • Jahr der Szene: 2000
  • Aufgezeichnet von Cornel Rimle