Geschichtenarchiv

Epische Duelle

Sonntag. Ich, der Langschläfer-Teenager. Und die Frage: Wo gibt es überhaupt noch Berührungspunkte zu meinem Vater, einem bescheidenen und wenig ambitionierten «ansteckenden» Mann.

Unsere Insel ist ein verwildertes Wäldchen, nur 100 bis 200 Meter von zuhause entfernt. Dort im Wäldchen steht ein verlotterter Spielplatz mit einem abgenutzten Tischtennis-Tisch. Betonplatte aufgerauht, Ecken und Kanten zerklüftet, das Netz selbst mitgebracht. Dort haben wir uns – bei jedem Wind und Wetter – epische Duelle geliefert. Die Profis imitiert, wichtige Smashes gedroschen und den Ball sanft gestreichelt.

Ich habe meinen Vater nirgends sonst in einer so intensiven, spielerischen, kraftvollen Lebendigkeit erfahren wie dort. Ja, es waren heilige Momente. Gesprochen haben wir nicht viel, höchstens beim Trinken des warmen Tees, den mein Vater mitgebracht hat, dort auf dem Bänkchen. Nachher sind wir voll verschwitzt heim.

So richtig verstanden hat meine Mutter nie, was wir dort bei Schnee und Sonne, bei Regen und Wind in diesem Wäldchen gesucht haben.

  • Sohn: 1972, Psychologe
  • Vater: 1941, Landmaschinen-Konstrukteur
  • Jahr der Szene: 1986
  • Aufgezeichnet von Markus Theunert

Aschenputtel-Tanz

Immer wieder wollten wir als Kinder die Geschichte hören, wie sich unsere Eltern kennengelernt haben. Zum ersten Mal begegnet sind sie sich an einem Tanzabend an der Mosel, beim sogenannten „Aschenputtel-Tanz“. Eine Geschichte, die wir unserem eher schüchternen Vater nicht zugetraut haben.

Die Damen werden gebeten, einen Schuh auszuziehen, der eingesammelt und in die Mitte der Tanzfläche gelegt wird. Anschließend wählen die Männer den Schuh aus, der ihnen besonders gefällt, um sich dann auf die Suche nach ihrem „Aschenputtel“ zu machen. Haben sich die Pärchen gefunden, können sie gemeinsam auf die Tanzfläche begeben.

Unserem Vater kam die Bitte, beim Einsammeln der Schuhe mitzuhelfen, gelegen, wollte er doch seine Tanzpartnerin nicht ganz dem Zufall überlassen. Und so steckte er den Schuh der bevorzugten Frau unauffällig in seine Westentasche – der Beginn einer lebenslangen Verbindung.

  • Sohn: 1965, Psychotherapeut
  • Vater: 1925, Weinhändler
  • Jahr der Szene: 1954
  • Aufgezeichnet von Mark Riklin

Siesta zu zweit

12 Uhr mittags. Gemeinsam essen wir am runden Tisch in der Küche. Mein Vater sitzt da, wo er immer sitzt um diese Uhrzeit. Ich schräg vis à vis, meine Schwester, die Mutter natürlich. Das Essen ist gut und schnell gegessen. Und doch hält es mich am Tisch. Neigt sich Papa schon zur Seite? Ja, ganz klar, er legt sich auf die Bank. Jetzt schnell hochklettern und auf Papa drauflegen. Noch etwas zurechtrücken und dann gemeinsam schlummern. In wohliger Wärme gemeinsam die Ruhe geniessen. Mit meinem Vater, dem Macher.

  • Vater: 1944, Uhrmacher und Unternehmer
  • Sohn: 1974, Sekundarlehrer und Sozialdiakon
  • Jahr der Szene: Immer wieder während der Kindheit
  • Aufgezeichnet von Armon Fortwängler

Vom Sandkasten zum Weiher

Nach den Ferien in Österreich machen sich mein Vater und ich an die Arbeit. Wir bauen auf dem Gelände des Sandkastens einen Weiher mit Bächlein. Unser Bauplan ist die Erinnerung an den Weiher in Österreich. Meine Mutter ist skeptisch und traut uns das Projekt ohne ordentliche Planung nicht zu. Egal, wir machen es trotzdem. Nach zwei Monaten graben, Material suchen, einkaufen ist es geschafft, unsere Oase ist fertig: ein Weiher mit Bächlein. Ich bin sehr stolz auf unser Bauwerk.

  • Sohn: 1977, Sozialarbeiter
  • Vater:  1946, Maschinenschlosser
  • Jahr der Szene: 1990
  • Aufgezeichnet von Michael Hofmann

Kaffee-Pause in der Veranda

Kurz nach 10 Uhr sitzen Professoren, Assistenten und Sekretärinnen in der Veranda zusammen, vertieft in politische, philosophische und ethische Fragen. Zweimal täglich stecken sie die Köpfe zusammen, tauschen sich über Themen aus, die sie beschäftigen. Am Kopf des Tisches sitzt mein Vater, als Instituts-Leiter der Gastgeber der Runde. Und ich bin mitten drin, auf der Eckbank geniesse ich die intensive Atmosphäre, die nach Tabak und den grossen Fragen dieser Welt riecht. Nie mehr habe ich eine solch ansteckende, inspirierende Pausenkultur erlebt.

  • Sohn: 1965, Zeitverzögerer
  • Vater: 1935, Ethiker
  • Jahr der Szene: anfangs 80er-Jahre

Bis auf die Felgen

Gerne erinnere ich mich an unsere Familienferien in den Tiroler Bergen. Unsere Ferienwohnung lag an einer frisch geteerten, steilen Strasse mit leichter Rechtskurve. Mit dem Ferienbatzen meiner Grosseltern kaufte ich mir ein A4-Blatt grosses, schnittiges Formel-1-Auto. Abend für Abend ging mein Vater mit mir raus auf die Strasse. Einer liess das Formel-1-Auto runterrasen, während der andere es unten abzufangen versuchte. Am Ende der Ferienzeit waren die Reifen abgefahren.

  • Sohn: 1979, Sozialarbeiter/Musiker
  • Vater: 1949, Bankfilial-Leiter
  • Jahr der Szene: 1986
  • Aufgezeichnet von Martin Graf