Geschichtenarchiv

Wendepunkt in unserer Beziehung

Erst am Flughafen Zürich hatte mir mein Vater die Überraschung verraten: Gemeinsam fuhren wir nach London ins legendäre Wembley-Stadion, um uns das WM-Vorbereitungsspiel zwischen England und Peru anzusehen. England gewann souverän mit 3:0, Daniel Sturridge, Gary Cahill und Jagielka schossen die Tore. Den absoluten Volltreffer aber landete ein Fan, als er mit seinem Papierflieger Perus Rechtsaussen am Kopf traf.

Viel entscheidender war für mich, dass dieses gemeinsame Erlebnis ein Wendepunkt in unserer Beziehung darstellte: Hatten wir uns bis zu diesem Tage oft in Meinungsverschiedenheiten verstrickt, waren wir uns während dieses Spiels einig, stimmten uns zu, sowohl in Aufstellungs-Fragen als auch in umstrittenen Schiedsrichter-Entscheiden. In diesen 90 Minuten habe ich zu meinem Vater eine neue Bindung aufgebaut. Dieses Erlebnis im schönsten Stadion der Welt mit dem besten Vater der Welt gehört zu den besten Momenten meines Lebens.

  • Sohn: 2000, F-Junioren-Trainer
  • Vater: 1968, Bankangestellter
  • Jahr der Szene: 2014

Krähen zum Mittagessen

Im Seemoosholz-Wäldchen in Arbon. Um die Mittagszeit rücke ich mit meinem Vater aus, um Krähen zu schiessen, da wir aufgrund der Arbeitslosigkeit meines Vaters nichts zum Essen haben. Als geübter Wildhüter ist er treffsicher: Nach kurzer Zeit liegen vier Krähen auf dem Waldboden. Ich sammle sie ein. Noch an Ort und Stelle werden sie gerupft, anschliessend als „blutte“ Krähen nach Hause getragen und in den Backofen geschoben, wo sie leider etwas zu lange schmoren und wieder so schwarz rauskommen, wie sie vorher ausgesehen haben. Eine lustige Erinnerung an meinen Vater.

  • Sohn: 1936, Maler
  • Vater: 1913, Maler
  • Jahr der Szene: 1943

Weisses Gold

„Kommst du mit mir strahlen?“, frage ich meinen Vater. „Ja“, sagt er zu meiner grossen Überraschung. Zu zweit fahren wir ins Binntal, klopfen weisses Gestein ab, zeigen uns gegenseitig unsere Fundstücke. Auch mein Vater nimmt den Pickel in die Hand, obwohl er sich nicht in erster Linie für die Steine sondern für mich interessiert. Ich geniesse die gemeinsame Ruhe: ich alleine mit meinem Vater, nur er und ich.

  • Sohn: 1972, Lehrer
  • Vater: 1946, Securitas
  • Jahr der Szene: 1985

Im Windloch gefangen

Karibisches Meer, ein Nachmittag im Spätfrühling. Auch stürmisches Wetter kann uns nicht davon abhalten, mit unserem Katamaran auszulaufen. In kurzer Zeit steigt der Knotenmesser auf 58 Knoten, auf dem Funkgerät sind Hilferufe anderer Schiffe zu hören. Während meine Mutter und mein jüngerer Bruder im „Salon“ Schutz suchen, trotzen mein Vater und ich Wind und Wellen, versuchen das Schiff unter schwierigsten Bedingungen auf Kurs zu halten. Kurz nachdem wir abdriften, zieht sich der Wind zurück, Glück gehabt.

  • Sohn: 2000, Lernender
  • Vater: 1969, Geschäftsleiter
  • Jahr der Szene: 2014

Der schönste Tag …

in meinem Leben  war ein Samstag vor neun Jahren. Mein Vater kniet vor sperrholzigen Puzzleteilen, die Zunge zwischen den Zähnen, die Stirn in Falten, die Haare wirr. Und schraubt, steckt, flucht ab und zu leise vor sich hin. Ich reiche ihm Werkzeuge, halte die Schranktür fest und frage ihn, ob er Wasser will oder Schnittchen. Ich geniesse es, sein Handlanger sein zu dürfen. Wir schweigen fast die ganze Zeit. Der Ikea-Schrank wird nur langsam fertig und all meinen (ich glaube, unseren) Verzögerungstaktiken zum Trotz dann schließlich doch.

Wir sind stolz. Berühren uns mit den Schultern, als wir uns mit der Wasserwaage überzeugen, dass alles gerade ist. Ins Wohnzimmer scheint die Sonne, die rote Wand reflektiert, Sofa und Palme stehen schon an ihrem Platz. Draußen singen erste Vögel, während wir auf dem Balkon aus dem viel zu üppigen Proviantkorb meiner Mutter Kartoffelsalat von Papptellern essen, gegen die Höhenangst über Fußball plappern. Alles ist provisorisch, aber alles ist richtig.

  • Sohn: 1977, Förderschullehrer, Berater/Supervisor
  • Vater: 1948, Kaufmann
  • Jahr der Szene: 2008
  • Aufgezeichnet von Thomas Löhr

Einmal Australien und zurück

Kurz nach meinem Abitur – vier Wochen gemeinsam in Australien. In der stärksten Zeit der Abnabelung einen Monat lang jede Minute gemeinsam verbringen. Wenige Tage vor dem Rückflug die Tickets nicht mehr finden. Panisches Suchen und tief in mir der Wunsch, bei der Suche erfolglos und länger mit ihm in diesem wunderbaren Land zu bleiben. Mein Vater entdeckt sie dann nach mehreren Tagen doch noch, in der Souvenirbox zwischen zwei noch lebenden Krebsen.

  • Tochter: 1981, Lehrerin
  • Vater: 1953, Lehrer
  • Jahr der Szene: 2001