Geschichtenarchiv

Weisses Gold

„Kommst du mit mir strahlen?“, frage ich meinen Vater. „Ja“, sagt er zu meiner grossen Überraschung. Zu zweit fahren wir ins Binntal, klopfen weisses Gestein ab, zeigen uns gegenseitig unsere Fundstücke. Auch mein Vater nimmt den Pickel in die Hand, obwohl er sich nicht in erster Linie für die Steine sondern für mich interessiert. Ich geniesse die gemeinsame Ruhe: ich alleine mit meinem Vater, nur er und ich.

  • Sohn: 1972, Lehrer
  • Vater: 1946, Securitas
  • Jahr der Szene: 1985

Im Windloch gefangen

Karibisches Meer, ein Nachmittag im Spätfrühling. Auch stürmisches Wetter kann uns nicht davon abhalten, mit unserem Katamaran auszulaufen. In kurzer Zeit steigt der Knotenmesser auf 58 Knoten, auf dem Funkgerät sind Hilferufe anderer Schiffe zu hören. Während meine Mutter und mein jüngerer Bruder im „Salon“ Schutz suchen, trotzen mein Vater und ich Wind und Wellen, versuchen das Schiff unter schwierigsten Bedingungen auf Kurs zu halten. Kurz nachdem wir abdriften, zieht sich der Wind zurück, Glück gehabt.

  • Sohn: 2000, Lernender
  • Vater: 1969, Geschäftsleiter
  • Jahr der Szene: 2014

Der schönste Tag …

in meinem Leben  war ein Samstag vor neun Jahren. Mein Vater kniet vor sperrholzigen Puzzleteilen, die Zunge zwischen den Zähnen, die Stirn in Falten, die Haare wirr. Und schraubt, steckt, flucht ab und zu leise vor sich hin. Ich reiche ihm Werkzeuge, halte die Schranktür fest und frage ihn, ob er Wasser will oder Schnittchen. Ich geniesse es, sein Handlanger sein zu dürfen. Wir schweigen fast die ganze Zeit. Der Ikea-Schrank wird nur langsam fertig und all meinen (ich glaube, unseren) Verzögerungstaktiken zum Trotz dann schließlich doch.

Wir sind stolz. Berühren uns mit den Schultern, als wir uns mit der Wasserwaage überzeugen, dass alles gerade ist. Ins Wohnzimmer scheint die Sonne, die rote Wand reflektiert, Sofa und Palme stehen schon an ihrem Platz. Draußen singen erste Vögel, während wir auf dem Balkon aus dem viel zu üppigen Proviantkorb meiner Mutter Kartoffelsalat von Papptellern essen, gegen die Höhenangst über Fußball plappern. Alles ist provisorisch, aber alles ist richtig.

  • Sohn: 1977, Förderschullehrer, Berater/Supervisor
  • Vater: 1948, Kaufmann
  • Jahr der Szene: 2008
  • Aufgezeichnet von Thomas Löhr

Einmal Australien und zurück

Kurz nach meinem Abitur – vier Wochen gemeinsam in Australien. In der stärksten Zeit der Abnabelung einen Monat lang jede Minute gemeinsam verbringen. Wenige Tage vor dem Rückflug die Tickets nicht mehr finden. Panisches Suchen und tief in mir der Wunsch, bei der Suche erfolglos und länger mit ihm in diesem wunderbaren Land zu bleiben. Mein Vater entdeckt sie dann nach mehreren Tagen doch noch, in der Souvenirbox zwischen zwei noch lebenden Krebsen.

  • Tochter: 1981, Lehrerin
  • Vater: 1953, Lehrer
  • Jahr der Szene: 2001

Epische Duelle

Sonntag. Ich, der Langschläfer-Teenager. Und die Frage: Wo gibt es überhaupt noch Berührungspunkte zu meinem Vater, einem bescheidenen und wenig ambitionierten «ansteckenden» Mann.

Unsere Insel ist ein verwildertes Wäldchen, nur 100 bis 200 Meter von zuhause entfernt. Dort im Wäldchen steht ein verlotterter Spielplatz mit einem abgenutzten Tischtennis-Tisch. Betonplatte aufgerauht, Ecken und Kanten zerklüftet, das Netz selbst mitgebracht. Dort haben wir uns – bei jedem Wind und Wetter – epische Duelle geliefert. Die Profis imitiert, wichtige Smashes gedroschen und den Ball sanft gestreichelt.

Ich habe meinen Vater nirgends sonst in einer so intensiven, spielerischen, kraftvollen Lebendigkeit erfahren wie dort. Ja, es waren heilige Momente. Gesprochen haben wir nicht viel, höchstens beim Trinken des warmen Tees, den mein Vater mitgebracht hat, dort auf dem Bänkchen. Nachher sind wir voll verschwitzt heim.

So richtig verstanden hat meine Mutter nie, was wir dort bei Schnee und Sonne, bei Regen und Wind in diesem Wäldchen gesucht haben.

  • Sohn: 1972, Psychologe
  • Vater: 1941, Landmaschinen-Konstrukteur
  • Jahr der Szene: 1986
  • Aufgezeichnet von Markus Theunert

Aschenputtel-Tanz

Immer wieder wollten wir als Kinder die Geschichte hören, wie sich unsere Eltern kennengelernt haben. Zum ersten Mal begegnet sind sie sich an einem Tanzabend an der Mosel, beim sogenannten „Aschenputtel-Tanz“. Eine Geschichte, die wir unserem eher schüchternen Vater nicht zugetraut haben.

Die Damen werden gebeten, einen Schuh auszuziehen, der eingesammelt und in die Mitte der Tanzfläche gelegt wird. Anschließend wählen die Männer den Schuh aus, der ihnen besonders gefällt, um sich dann auf die Suche nach ihrem „Aschenputtel“ zu machen. Haben sich die Pärchen gefunden, können sie gemeinsam auf die Tanzfläche begeben.

Unserem Vater kam die Bitte, beim Einsammeln der Schuhe mitzuhelfen, gelegen, wollte er doch seine Tanzpartnerin nicht ganz dem Zufall überlassen. Und so steckte er den Schuh der bevorzugten Frau unauffällig in seine Westentasche – der Beginn einer lebenslangen Verbindung.

  • Sohn: 1965, Psychotherapeut
  • Vater: 1925, Weinhändler
  • Jahr der Szene: 1954
  • Aufgezeichnet von Mark Riklin