Geschichtenarchiv

Der Spur folgen

Vater, jetzt bist du gegangen. Und ich bleibe – in deiner Spur.

Ich sehe uns mit den Skiern am Berg. Du vorne. Ruhig. Klar. Verlässlich.

Ich folge. Schritt für Schritt. Du gibst die Richtung, ich spare Kraft.

Lange bin ich in deiner Spur gegangen. Bis ich merkte: Jetzt spure ich selber. Kein Bruch eher ein allmählicher Übergang.

Du hast wenig gesprochen. Du hast gebaut. Repariert. Geschaffen. Deine Sprache war das Tun. Ich aber wollte mehr Worte und heute verstehe ich: Du hast längst alles gesagt.

Wir waren sehr verschieden. Du bewahren. Ich verändern. Auch das war Spur.

Du hast mich gehen lassen. Nicht gebremst. Das war dein Vertrauen. Am Ende wurde deine Spur leiser. Aber nie schwächer. Heute sehe ich sie klar: deine Spur. Ich bin ihr gefolgt.

Jetzt gehe ich weiter.

Und ich weiss: Ein Teil von mir geht immer noch hinter dir.

 

Vater; 1935 – 2026 / Elektroingenieur

Sohn; 1960 / Kommunikationstrainer

Jahr der Szene; 2026

 

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Marcel Kräutli

Fussball verbindet…

Ich erinnere mich gut daran: Ich war etwa sechs Jahre alt, als mir mein Vater einen Fußball schenkte – einen richtig schönen, schwarz-weißen Original-FIFA-Ball. Für mich war er etwas ganz Besonderes, wertvoller als jedes andere Spielzeug. 

Überall spielte ich mit diesem Ball – manchmal sogar in meinem Zimmer oder durchs ganze Haus, sehr zum Ärger meiner Mutter. Doch der Ball war mehr als nur ein Spielzeug: Er war mein Schlüssel, um mit den anderen Jungs draußen Fußball zu spielen. So stand ich oft mit meinen Freunden auf dem Feld, spielte im Mittelfeld und gab alles. 

Ab und zu war mein Vater an der Seitenlinie dabei. Er schaute mir zu, jubelte mir zu, war mein größter Fan. Besonders stolz war er, wenn ich ein Tor schoss. In Afghanistan spielte ich damals in keiner Mannschaft – aber durch seine Begeisterung fühlte ich mich schon wie ein echter Spieler. 

Heute, viele Jahre später, spiele ich in der A-Jugend des FC Toggenburg. Zweimal die Woche Training, wir sind richtig gut als Team. Und immer wieder denke ich daran zurück, wie alles begann – mit diesem einen Ball. 

Über Instagram und WhatsApp schicke ich meinem Vater Bilder und Videos meiner Spiele. Ich weiß, dass er Freude daran hat. Er sieht, was aus seinem Geschenk geworden ist – wie es mich geprägt hat und welche Türen mir das Fußballspielen hier in der Schweiz geöffnet hat. 

  • Vater; 1977 / Polizist
  • Sohn; 2007/ Schüler
  • Jahr der Szene; 2013

 

Schach, das Spiel welches ich immer gewann

Ich habe viele schöne Erinnerungen an gemeinsame Momente mit meinem Vater. Die wertvollste davon ist unser Schachspiel.

Als wir in Kabul lebten, war ich noch ein Kind. Mein Vater kam oft müde von der Arbeit nach Hause, doch ein- bis zweimal pro Woche nahm er sich die Zeit, mit mir Schach zu spielen. Für mich war das ein großes Ereignis: Jedes Mal gewann ich – und zur Belohnung bekam ich ein Stück Schokolade. Ich war stolz, fühlte mich stark und wichtig.

Heute weiß ich, dass mein Vater, ein ausgezeichneter Schachspieler, mich absichtlich gewinnen ließ. Nicht, weil es ihm an Können gefehlt hätte, sondern weil er mein Herz gewinnen wollte. Und das ist ihm gelungen.

Ich bin überzeugt, dass viele Väter auf der Welt in solchen Momenten ähnlich handeln – es geht ihnen darum nicht das Spiel, sondern die Beziehung zu ihrem Kind zu gewinnen.

Das Schachspielen ist mir geblieben. Noch heute spiele ich leidenschaftlich gern mit Freunden, und jedes Mal, wenn ich die Figuren bewege, fühle ich mich meinem Vater nah – ganz gleich, wie weit er entfernt ist.

Ich liebe Schach dafür.

  • Vater; 1938, Kaufmann
  • Sohn; 2007, Schüler
  • Jahr der Szene; 2014

Ein Krawattenknopf für den Papst

Ich stamme aus einer alten Obertoggenburger Familie mit 500-jähriger Geschichte. Die Männer hatten den Ruf, „sturi Chöge“ zu sein und mit der Äusserung ihrer Gefühle sparsam umzugehen. Auch mein Vater war so. Richtig emotional erlebte ich ihn das erste Mal in seinem fünfzigsten Lebensjahr, als es um meine Aufnahme in die Schweizer Garde ging. Vor der Vereidigung dürfen die zukünftigen Gardisten dem Papst ihre Eltern vorstellen. Mein Vater versuchte seine Nervosität gegen aussen zu verbergen und vergass vor lauter Aufregung, dass er gar keinen Krawattenknopf binden konnte. „Ou, Mischt, ich cha das jo gar nöd. Machschs du für mich?“.  Eine Aufgabe, die ich für meinen stolzen, berührten, nervösen und damit eben doch emotionalen Vater noch so gerne übernahm.

  • Vater: Jahrgang 1968, LKW-Chauffeur
  • Sohn: Jahrgang 1995, Mitarbeiter technischer Dienst
  • Jahr der Geschichte: 2017
  • Aufzeichnung: Marcel Kräutli

Eine Sportart, die verbindet

Mein Vater ist ein richtiger Velofan. Seine Leidenschaft für diese Sportart hat er an all seine vier Kinder weitergegeben. Mir lernte er das Velofahren, als ich etwa vier Jahre alt war. Jedes Jahr haben wir als Familie eine Etappe der Tour-de-Suisse miterlebt, viele gemeinsame Stunden in den Sätteln und bei den Klassikern als Zuschauende vor dem Fernseher verbracht. Noch heute fahre ich regelmässig Rennrad und Mountainbike. Für die Fitness, für das Naturerlebnis. Und auch immer mal wieder auf einer gemeinsamen „Fyrobig-Runde“ als Pflege der Beziehung zu meinem Vater.

  • Vater: 1973, Landwirt
  • Tochter: 2004, Köchin EFZ
  • Jahr der Geschichte: seit 2008
  • Aufgezeichnet von Marcel Kräutli

Seelengut

Kurz nach seinem Studium erkrankte mein Vater an Morbus Bang, weil er verunreinigte Rohmilch trank. Aufgrund dieser Erkrankung konnte er keiner geregelten Arbeit nachgehen. Was den grossen Vorteil hatte, dass er viel für mich und meine Schwestern da war. Ich hätte mir keinen besseren Vater wünschen können. Er war seelengut mit uns Kindern, hat sich viel mit mir abgegeben. Ging raus mit mir in die Natur, erklärte mir die verschiedenen Pflanzen und Bäume. Ich habe diese Zeiten zu zweit sehr genossen.

  • Vater: 1900
  • Tochter: 1928, Textilverarbeiterin
  • Aufgezeichnet von Marcel Kräutli